Norwegen wird von Öl-Geld überschwemmt
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23. September 2016
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Erdölproduzierendes Norwegen hat beträchtliches Kapital angehäuft und kann sich nun leisten Anlageobjekte nach ethischen Überlegungen auszuwählen.

Zwei Jahrzehnte nachdem Norwegens Regierung das erste mal in den Staatsfond eingezahlt hat, lernt das Land ein Ungeheuer zu zähmen. Das Mittel, das im Ausland genutzt wird, um Norwegens Einnahmen aus Öl und Gas im Ausland zu verwalten, hat dank steigender Ölpreise einen größeren Gewinn gemacht als alle erwarten konnten. Als direkte Vorteile des Knappwerdens von Öl – rund 46% des absoluten Vorkommens von Öl und Gas ist verschwunden – wird die vergleichsweise Unwichtigkeit des Fonds wachsen. Die gewohnten Einnahmen, die es macht, überschreiten mittlerweile das Einkommen durch den Verkauf von Öl.

In dieser Woche war das “Pension Fund Global” 7,3 Trillionen Norwegische Kronen wert, mehr als das Doppelte des nationalen BIP. Kein anderer Staatsfond ist größer. Es besitzt mehr als 2% aller in Europa gelisteten Anteile und rund 1% der auf der ganzen Welt vorkommenden. Die größten Anteile haben sie an Alphabet (NASDAQ: Alphabet Class A [GOOGL]), Apple (NASDAQ: Apple [AAPL]), Microsoft (NASDAQ: Microsoft Corporation [MSFT]) und Nestlé (SIX Swiss exchange: Nestle [NESN]), sowie 9000 Unternehmen in 78 Ländern.

Im Schaffen des Fonds hat Norwegen einiges richtig gemacht. Die Unabhängigkeit des Landes wird zwar nicht konstitutionell gewahrt, doch es ist als separate Einheit in der Nationalbank vertreten und wird vom Finanzministerium und dem Parlament überwacht. Vor allem wird es transparent geführt - jedes ausgeführte Investment wird online aufgeführt.

Andere Fonds mögen diese Strukturen nachahmen, doch sie hätten Probleme damit, die nordischen Werte zu imitieren, die dem Ganzen zugrunde liegen. Yngve Slyngstadt, der Chef des Fonds, gibt bekannt, dass das Wachstum “schneller kam, als jeder es hätte vermuten können”, und dass eine Kultur politischen Vertrauens es unproblematisch machte so viel wie möglich zu sparen.

Ein Gesetz bezüglich des Budgets hält die Regierung auf, mehr zu sparen als die jährlichen Einkommen des Fonds es vorsehen (4% pro Jahr). Das Kapital wird theoretisch nie angerührt. Martin Skancke, der sich die Einnahmen des Fonds aus dem Finanzministerium ansah, betont das Vertrauen und die Treue, die das Unterfangen aufgrund seines hohen Maßes an Gleichstellung und kultureller Homogenität genießt. Außerdem hilft es ärmeren Regionen dabei, sich von einer ärmlichen Situation zu befreien.

Die Erwartungen, die an den Fond gestellt werden, ändern sich wohl so wie Norwegen sich selbst ändert. Tesla fahrende Norweger sind mittlerweile weniger bescheiden ihren Wohlstand nach außen zu tragen. Diejenigen unter 50 kannten nur eine Welt, in der die 5,2 Millionen Norweger allesamt wohlhabend waren. Die Zahlen an Einwanderern sind so hoch wie nie zuvor, vor allem nach dem Ansturm syrischer Flüchtlinge.

Fortschritt, eine populistische, anti Einwanderungspertei, hat lange Zeit dafür plädiert, das mehr Geld aus den Öl Einnahmen in das Land investiert wird. Seit 2013 sind sie Koalitionspartner und haben seitdem darauf gedrängt, dass mehr Geld ausgegeben wird. Doch in der ersten Hälfte dieses Jahres hat die Regierung zum ersten Mal mehr Geld aus dem Fond genommen, als durch die Öleinnahmen in den Fond geflossen ist: eine Netto Abhebung von 45 Billionen Kronen. Niedrigere Einnahmen zeigten vor kurzem, dass das Kapital des Fonds etwas gesunken ist.

Es ist zwar noch zu früh, um einen Langzeittrend ausmachen zu können, doch zeigen sich einige besorgt:

“Es ist sehr anstrengend, große Geldsummen neben deinem Bett liegen zu haben und trotzdem die Sparhosen anzuziehen.”

Herr Slyngstad ist zuversichtlich, doch honoriert, dass einige Demokratien einen Staatsfond besitzen: Politiker präferieren eigentlich immer größere Ausgaben und niedrigere Steuern. Er verneint jemals politischen Druck gespürt zu haben. Doch der Hunger von vielen anderen wächst – wenn nicht für Ausgaben, so solle man den Fond zu anderen Zwecken nutzen. Eine Kritik ist etwa, dass der relativ bescheidene Dollar zu Investmen zurückkehrt (um 5,5% jährlich seit 1998) und dies bedeutet mehr Achtung für diejenigen, die für den Staatsfond eintreten.

Sony Kapoor, ein vordergründiger Kritiker des Fonds, argumentiert dass “er fehlgeschlagen ist”, da im vergangenen Jahrzehnt nicht in aufstrebende Märkte, die hungrig nach Kapital waren, investiert worden ist und dass es schlichtweg ignoriert wurde, sich um ungelistete Dinge wie die Infrastruktur zu kümmern. Er sagt, dass der Fond es verpasst hätte etwa “100 Milliarden bis 150 Milliarden Dollar” Einnahmen zu garantieren. Schlimmer ist jedoch, so sagt er, dass die Achtung für den Staatsfond ihn reichen Wirtschaften aussetzt.

Verteidiger der Fondsstrategie argumentieren, dass ärmere Länder nur wenige große Angebote für Investments anbieten können. Doch dies ist nicht die einzige Kritik von Herr Kapoor und anderen. In einer Demokratie zählt kaum etwas so sehr wie Moral. Die Ethik von Investments sind noch nie so heftig diskutiert worden. Politiker, NGOs und andere sagen zunehmend, dass moralische Faktoren wichtiger sein sollten als andere und sogar wichtiger als Profit.

Der Fond wird nicht dazu verwendet, in Unternehmen zu investieren, die unethisch wirken, so wie Tabak- oder Waffenunternehmen etwa. In letzter Zeit ist es durchaus aktivistischer in ihrem Portfolio geworden, so dass sie Unternehmen entblößen die offensichtlich korrupt, Wasser und Energie verschwenden oder Kinderarbeit unterstützen.

Darüber hinaus wird mehr über Managerentlohung gesprochen. Es hat bekannt gegeben, dass es Strafen gegenüber Volkswagen (XETRA: Volkswagen [VOW3]) unterstützen wird. Der Fond wurde vom Parlament ins Leben gerufen, um dabei zu helfen dem Klimawandel entgegenzuwirken. 1% des Fonds wird an Unternehmen gegeben, die erwiesenermaßen grün sind. Es entfernt sich von Umweltverschmutzern, Unternehmen, die Abholzung fördern und, wie auch dieses Jahr, vom Kohleabbau.

Solche Restriktionen erregen natürlich Aufmerksamkeit und Diskussionen. Beispielsweise unterstützt der Fond immer noch die Ölförderung: Royal Dutch Shell (AMS: RDSA) ist eines seiner größten Anlagen. Die Ethikkommission argumentiert, dass mehr gewonnen werden kann, wenn gute Praktiken in Ölunternehmen eingeführt werden. Doch ein früherer Mitarbeiter der Ethikkommission sagt, dass die Intention des Fonds, dem Klimawandel entgegenzuwirken, dazu in einem “paradoxen” Widerspruch steht.

Im Effekt hieraus exportiert der Fond den Wert Norwegens genauso wie sein Kapital. In der Zukunft könnte es sich durchaus gegen mehr Produkte und Güter, wie etwa Zucker und Fastfood, wenden. Bislang haben die Fondmanager keine finanziellen Nachteile dadurch erfahren, dass sie 100 Unternehmen geblacklisted haben. Doch streiten sie ethische Zwickmühlen und Schwierigkeiten nicht ab. Ihre eigenen Anteilseigner, die Norweger selbst, lassen sie womöglich nicht alles tun, was richtig ist, sondern dasjenige, was letzten Endes ertragbringend ist.

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