ISIS ist eine Idee, kein Staat
Adnan Abidi/Reuters
Hauptseite Analytik

IS verliert an Territorien, aber gewinnt an Weltpräsenz

Dem Islamischen Staat zugerechnete Massaker haben sich in diesem Jahr bereits auf vier Kontinenten ereignet. Das zeigt, wie die Anziehungskraft der Terrorgruppe trotz Gebietsverlusten in Irak und Syrien nach Ansicht von Experten weiter wächst.

Der Mord an Zivilisten in drei großen Anschlägen allein in der vergangenen Woche – am Dienstag in Istanbul, in Dhaka, Bangladesch, am Freitag und am Sonntag in Bagdad – deutet daraufhin, dass terroristische Akte außerhalb der Grenzen des Kalifats zunehmen, mitunter auch ohne direkte Anweisungen aus einem der Zentren des Kalifats.

Noch besorgniserregender ist dabei, dass eine zunehmende Zahl der Anschläge, begonnen bei denen in Paris und Brüssel, von Gruppen von Angreifern ausgeführt wurden, nicht einzelnen Attentätern. Bruce Riedel, ehemaliger CIA-Antiterrorismus-Vertreter und Analyst von Al-Qaida und Islamischem Staat an der Brookings Institution sagt:

„Was mir bei den Anschlägen in Istanbul und Dhaka am meisten Sorgen bereitet ist, dass beide keineswegs von "einsamen Wölfen" begangen wurden. Sie wurden von Teams aus Terroristen ausgeführt, die mit einem wohldurchdachten Angriffsplan agierten. Ich bezeichne sie als Wolfsrudel-Attacken. Diese werden schnell zur Signatur des Islamischen Staats.“

Ein Sprecher des Außenministeriums sagte Sonntagabend in Washington, Vertretern seien Gerüchte über eine Explosion in Jiddah, Saudi-Arabien zugetragen wurden und diese arbeiteten nun mit den saudischen Behörden daran mehr Informationen zusammenzutragen.

Letzte Woche erstellte der Islamische Staat zur Feier des zweijährigen Jubiläums seines selbsterklärten Kalifats eine Grafik zur Verdeutlichung seines Einflusses. Dieser reiche von der moderaten Kontrolle, die er in den Philippinen beansprucht bis zur verdeckten Präsenz in Frankreich, mit 15 weiteren Ländern dazwischen. Selbst nicht in der Liste geführte Länder zeigen sich besorgt. In Indien stehen laut Regierung Dutzende indische Muslime unter Beobachtung, nachdem sie beim Islamischen Staat eine Art Ausbildung erhalten hätten. Allerdings gaben indische Vertreter zu, dass die tatsächliche Zahl noch weitaus höher liegen könnte.

Während der Kern des Kalifats im Irak und Syrien dank Luftangriffen der Koalition und Bodentruppen aus Armeeeinheiten und Milizen zunehmend unter Druck gerät, haben sich Kämpfer des Islamischen Staats im gesamten Mittleren Osten und darüber hinaus verbreitet. Anschläge in Türkei, Bangladesch, Nigeria, Afghanistan, Libyen, Tunesien, Saudi-Arabien, Ägypten, Kuwait und einer Reihe europäischer Hauptstädte sowie die Angriffe durch einsame Wölfe in Orlando und San Bernardino verdeutlichen das ideologische Potenzial des Islamischen Staats.

Adam B. Schiff, von Demokraten entsandtes Mitglied im House Permanent Select Committee on Intelligence, bezeichnete am Sonntag in CBS's „Face the Nation“ den Islamischen Staat als „teuflisch und anpassungsfähig“ in dessen „globalem terroristischen Feldzug“.

„Er verliert zwar sehr wohl Territorien, weitet jedoch gleichzeitig seine globale Präsenz aus“, so der Politiker.

Nach Ansicht von US-Geheimdienstmitarbeitern scheinen die Rückschläge auf dem Schlachtfeld im Irak und Syrien die Anführer des Islamischen Staats dazu gebracht zu haben, die Planungen für Anschläge im Ausland zu beschleunigen. Viele Geheimdienstmitarbeiter und Terrorismusexperten betrachten die Anschläge in Paris, Brüssel, Türkei und Bangladesch als Ausdruck dieser Strategie.

„Wir schlussfolgern, dass [der Islamische Staat] seine globale Anschlagsserie ausweiten wird, um seine Führungsposition beim globalen Terrorismus zu behaupten“, sagte CIA-Director John Brennan in einer Befragung vor dem Senat letzten Monat.

Obwohl der Islamische Staat zunächst vor allem auf Aufbau und Sicherung seines Kalifats bedacht war, hat die Gruppe schon lange Ambitionen für Angriffe auf Ziele außerhalb des Mittleren Ostens geäußert. Das englischsprachige Magazin der Dschihadisten, Dabiq, enthält regelmäßig Beiträge über Pläne zur Eroberung Roms oder anderer Städte mit symbolischer Bedeutung, zusätzlich zur Eroberung aller Territorien, die jemals Teil eines historischen islamischen Reiches gewesen sein. In Dhaka wurden in der Holey Artisan Bakery gezielt ausländische Kunden aus „Kreuzzug-Länder“ getötet.

Ein vom Islamischen Staat vor kurzem über soziale Medien verbreiteter Beitrag des hauseigenen „Nachrichtenradios“ bot eine Auflistung aller von den eigenen Kämpfern verübten Anschläge, die von ihm selbst als „Streitkräfte des Kalifats“ bezeichnet werden.

Die Zielsetzungen der Gruppe reichen zurück bis in ihre frühesten Tage, als sie noch Al-Qaida im Irak hieß und vom jordanischen Terroristen Abu Musab al-Zarqawi geführt wurde.

„Wir führen hier den Dschihad, während unsere Augen auf al-Quds [Jerusalem] gerichtet sind. Wir kämpfen hier, aber unser Ziel ist Rom“, sagte Zarqawi in einem bekannt gewordenen Satz, den die Führung des Islamischen Staats vor kurzem zitierte.

Nach Aussagen von Vertretern aus USA und Europa gehört zu den durchorganisierten Strukturen der Gruppe auch eine Einheit, die sich nur auf die Vorbereitung von Anschlägen auf fremdem Territorium konzentriert. Sich mittlerweile in Gewahrsam befindende ehemalige Kämpfer des Islamischen Staats erzählten Ermittlern, die EMNI oder AMNI genannte Einheit sei bereits seit über einem Jahr in Europa aktiv.

Ein inhaftierter französischer Rekrut namens Nicholas Moreau erinnerte sich daran, in Syrien einige Mitglieder von EMNI getroffen zu haben und beschrieb diese laut Notizen aus der Befragung in Besitz der Washington Post als Teil des „Auslandsgeheimdienstes des Islamischen Staats“.

Die Außenmission besteht darin, Leute über die ganze Welt zu verteilen, die dann Gewalt ausüben, töten, junge Menschen anwerben, Kameras besorgen oder Chemikalien für Waffen“, sagte Moreau laut einer Übersetzung der Notizen des französischen Ermittlers. Er identifizierte den belgischen Staatsbürger Abdelhamid Abaaoud, mutmaßlicher Befehlshaber bei den Terroranschlägen im November in Paris als EMNI-Agenten und gab zu Protokoll, mindestens vier Weitere seien zu Vorbereitungszwecken nach Nordeuropa gereist. Ob diese vier mittlerweile identifiziert und festgenommen wurden bleibt unklar.

„Sie sind gefährlich und kennen sich mit Waffen aus“, so Moreau. „Ich glaube, sie sind in Europa. Ich weiß nicht, wo genau sie sich aufhalten.“

Außenminister John F. Kerry wird nicht müde zu betonen, dass vom Islamischen Staat durchgeführte oder inspirierte Anschläge Ausdruck der Verzweiflung der Gruppe seien, da diese immer mehr Gebiete im Irak und Syrien verliere. Allerdings scheint die Gruppe noch so stabil verankert zu sein, dass sie vor kurzem ihre eigene mit den Worten 'Islamischer Staat' geprägte Kalifats-Dinar-Währung herausgab.

Doch zunehmend gewinnt die Idee des Islamischen Staats an Bedeutung, nicht die Kontrolle der Gruppe über Territorium.

„Wie Dhaka und Istanbul zeigen wird diese Idee in einer Taktik umgesetzt, die viel gefährlicher ist, als ein einzelnes Individuum zur Ausführung eines Anschlags zu bringen“, so Riedel. „So schrecklich wie Orlando war – man stelle sich einmal vor, wie viel schlimmer es bei vier Typen in der Bar gewesen wäre.“

„Die Herausforderung der Zerschlagung des Islamischen Staats wird immer dringlicher, aber auch immer schwieriger.“

Хотите узнать больше о гражданстве за инвестиции? Оставьте свой адрес, и мы пришлем вам подробный гайд

Bitte beschreiben Sie den Fehler
Schließen
Schließen
Vielen Dank für ihre Anmeldung
Klicken Sie 'gefällt mir' auf Facebook, so dass wir interessante Artikel kostenlos weiter machen können.