In Venezuela beginnt Krieg um Nahrung
AP Photo/Fernando Llano
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The Washington Post: Lange wirtschaftliche Rezession in dem Land mit den größten Ölreserven der Welt entwickelt sich zu einer humanitären Katastrophe

In der Dunkelheit sieht das Warenhaus, eine Halle mit einem Metalldach nahe einer klappernden Überführung, mit Obdachlosen, die in den Schatten liegend schlafen, wie jedes andere aus.

Doch im Inneren laden Arbeiter leise schwarze Plastikbehälter aus, in denen sich so wertvolle Waren befinden, dass Banden bereits die Lieferfahrzeuge geplündert haben, indem sie auf die Windschutzscheibe der Trucks schossen und einen Stein ins Auge eines Fahrers schmissen. Soldaten und die Polizei, die in den Warenhallen patrouillieren, geben einem das Gefühl, man befinde sich in einer Militärischen Garnison.

“Das ist bloß Käse”, sagte Juan Urrea, ein 29 Jahre alter Fahrer, als die Arbeiter Tausende Pfund des weißen venezuelanischen Quesos aus dem Truck laden. “So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen.”

In Venezuela hat der Kampf um Nahrungsmittel begonnen. Beinahe jeden Tag formen sich in den Städten des zunehmend verzweifelten Landes Gruppen, um Supermärkte zu überfallen. Auf den Straßen schließen sich Demonstranten zusammen, die den unglaublichen Preisanstieg für immer knapper werdende Grundnahrungsmittel anprangern.

Die Improvisationsmaßnahme für Wohlhabende ist das Online Shopping von Nahrungsmitteln aus Miami. Familien aus der Mittelklasse müssen sich mit weniger zufrieden geben: Kaffee ohne Milch, Sardinen anstatt Fleisch und nur zwei tägliche Mahlzeiten anstatt drei. Die armen pflücken Mangos von den Bäumen und versuchen zu überleben. “Das ganze ist eine Barbarei”, sagte Pedro Zarata, ein Motorölhändler, der am Freitag eine Menschenmenge vor einem Supermarkt sah, die dort wahrscheinlich von der Armee vertrieben worden ist. “Die Autoritäten verlieren die Kontrolle.”

Venezuela: Die Hungerspiele

Was einst eine sich sehr langsam vollziehende Krise in Venezuela war, scheint nun in eine neue, viel gefährlichere Phase zu münden. Die lange andauernde wirtschaftliche Krise des Landes mit dem größten Ölvorkommen der Welt zeigt nun Zeichen der Verformung in eine humanitäre Notlage, die mit Fehlmaßnahmen der Regierung und niedrigen Erdölpreisen zu flächendeckenden Verknappungen und Inflation führt, die in diesem Jahr über 700% betragen könnte.

Die politische Beteiligung steigt. Von der Regierung veranlasste Stromausfälle, die steigende Kriminalität, endlosen Schlangen vor den Supermärkten, Kürzungen der Medizinischen Versorgung und Wellen von Überfällen und Protesten beginnen die Bürger damit, sich gegen die politische Führung des Landes aufzulehnen. In den vergangenen Tagen starteten die Venezuelaner eine Petition, die darauf angelegt ist ihren Präsidenten, Nicolás Maduro zu stürzen und der sozialistisch geprägten “Revolution”, die vor 17 Jahren von Hugo Chávez etabliert worden ist, ein Ende zu bereiten.

“So kann es nicht weitergehen”, sagte Angel Rondon, ein Mechaniker, der momentan teilweise nur eine Mahlzeit am Tag zu sich nimmt. “Die Dinge müssen sich ändern.”

Desillusionierte Chavistas

In Venezuela beginnt Krieg um Nahrung
Mariana Bazo/Reuters

Vor kurzem machte das Gerücht an einem Dienstagabend in den armen Ackerflächen von Barlovento, einer Stünde östlich von Caracas, die Runde: Ein Lastwagen, der mit Reis beladen war, kippte um und das Nahrungsmittel lag griffbereit auf der Straße. Glenis Sira, Mutter von sieben Kindern, griff sich eine Plastiktüte und rannte aus ihrer Holzhütte. Mehr als 1000 Menschen taten es ihr gleich und wollten so schnell wie möglich in das Dorf La Fundacion gelangen, bevor sie merken, dass es gar keinen Lastwagen mit Reis gab, dass dies bloß ein Gerücht war.

“So ein großes Bedürfnis hatten wir noch nie”, sagte Sira, eine der zahlreichen Zeugen, die das Handgemenge beschrieben.

Jahrzehnte lang war Venezuela eine von Südamerikas stabileren und entwickelteren Demokratien, mit einer Mittelklasse, die an den Vorzügen des Reichtums durch Öl teilhaben konnte. Die Wirtschaftskrise in den 1980er und 1990er Jahren ließ viele venezuelanische Familien verarmen.

Die Ära unter Chavéz war durch steigende Ölpreise und zurückgehende Armut geprägt und bereitete einige wenige auf den schlimmen freien Fall der letzten Jahre vor.

Venezuelas Apokalypse

Sira war lange Zeit eine stolze “Chavista” mit der Überzeugung, dass die Ausgaben der Regierung eine gleichberechtigtere Gesellschaft herbeiführen können. Die Regierung unter Chávez, die durch Öl-Milliarden und ausländische Kredite im Geld schwamm, gab ihr den Madres del Barrio Zuschuss für Mütter in extremer Armut. Ein weiteres Unterstützungsprogramm half Einwohnern dabei, ihre Häuser fertig zu bauen. Junge Menschen aus ihrer Gemeinde bekamen Stipendien.

“Ich habe immer für die Revolution gelebt”, sagte sie.

Doch viele der Unterstützungsprogramme von Chávez versiegten und der nächste Supermarkt hat kaum mehr als Pepsi und Pall Mall Zigaretten im Angebot. Unter Chávez etablierte die Regierung ein Netzwerk an von der Regierung geführten Supermärkten, die Grundnahrungsmittel zu subventionierten Preisen im Angebot hatten. Doch die Inflation hat selbst diese Quelle für viele Menschen versiegen lassen. Ein einziges Kilo Yucca kostet mittlerweile mehr als Ein-Drittel des wöchentlichen Mindestlohns.

Siras Nachbarn jagen Wild und Armadillos für ihren Lebensunterhalt und um ihre schlechte Situation durch Handel auszugleichen. Sie lebt von dem, was sie anbauen kann – Kartoffeln, Tomaten, Getreide – oder von dem was sie verfüttern kann. Die einstige kakaoproduzierende Region ist nun von anhaltender Dürre ausgetrocknet.

“Ich bin eine Chavista und die Situation ist verdammt nochmal hart”, sagte sie. “Die Revolution ist tot. Weil wir hungern.”

Fallende Ölpreise

Die Fähigkeit Venezuelas, Nahrungsmittel und andere Güter zu produzieren ist in den letzten Jahren, dadurch dass die Regierung Privatunternehmen enteignet hat, Preiskontrollen verschärft hat und die Private Produktion eingedämmt hat, stark zurückgegangen. Getreide, Reis und andere Nahrungsmittel, die früher im Land angebaut worden sind, müssen mittlerweile importiert werden.

In den vergangenen zwei Jahren ist der Ölpreis um die Hälfte auf nur noch 50 USD pro Barrel gefallen, worunter die Wirtschaft stark litt, so dass die Importe unbezahlbar geworden sind. Privatunternehmen mussten schließen, weil sie keinen Zugang zu den von der Regierung kontrollierten Dollar hatten, um neue Rohmaterialien zu kaufen. Die Regierung hat sich bisher darauf fokussiert, Schulden zurück zu zahlen, um nicht in Verzug zu geraten, während sie Einsparungen in Importen, einschließlich den Importen von Nahrungsmitteln vornahmen. In den vergangenen Tagen haben Fluggesellschaften wie Lufthansa, LATAM und Aeromexico aufgrund der strikten Währungskontrollen, die ihnen eine Bezahlung massiv erschwert, damit aufgehört Venezuela anzufliegen.

Über 87% der Menschen geben laut einer vor kurzem durchgeführte Studie der Simon Bolivar Universität an, dass sie nicht genügend Geld besitzen um Essen zu kaufen.

“Wir haben den Höhepunkt der Krise noch nicht erlebt”, sagte Luis Vicente Leon, Geschäftsführer des Umfragenunternehmens Datanalisis. Er schätzt, dass die Supermarkt-Outlets in Caracas nur 80 bis 85 Prozent ihres gewöhnlichen Angebots besitzen. “Das Angebot ist auf ein sehr geringes Maß zusammengeschrumpft und es ist wahrscheinlich, dass es noch schlimmer wird.”

In diesem Jahr ordnete Maduro an, dass die Verteilung von Nahrungsmitteln tausenden von lokalen Bürgerkommittees überlassen wird, die nach den Aussagen von Kritikern einseitig aus Unterstützern der Regierung zusammengesetzt sind. Das würde bedeuten, dass bezuschusste Nahrungsmittel von den schlecht ausgestatteten, durch die Regierung betriebenen Supermärkten umgelenkt werden würden.

Über die ersten fünf Monate dieses Jahres haben Venezuelaner laut einem Bericht der Venezuelanischen Beobachtungsstelle für Soziale Konflikte mindestens 254 Geschäfte gewalttätig überfallen, oder es zumindest versucht. Die Zahl der Proteste bezüglich Nahrungsmittel ist jeden Monat angestiegen, im Mai waren es 172. Viele Menschen sind gestorben und hunderte mehr sind in gewalttätigen Ausschreitungen im ganzen Land verhaftet worden.

Maduros Regierung hat die Ausschreitungen als “Wirtschaftlichen Krieges”, der von Ausländern und privaten Geschäftsmännern ausgeht, die, so heißt es, Nahrungsmittel horten, um die Regierung zu destabilisieren.

“Es gibt keine humanitäre Krise”, sagte Außenminister Delcy Rodriguez bei einer Versammlung Amerikanischer Staaten in der letzten Woche.

Endloses Warten für Nahrungsmittel

Die Nahrungsmittel des Landes zu transportieren gleicht einem Spießrutenlauf. Am 20. Juni blockierten hunderte Protestanten einen Highwy in El Guapo, östlich von Caracas und hielten dabei dutzende Lieferwagen auf. Während des tagelangen Stillstands beobachtete der Fahrer Jonathan Narvaes, 32 Jahte alt, Einwohner dabei, wie sie Lieferwagen mit Mehl und Pasta plünderten. Soldaten setzten Tränengas ein, um die Massen in Schach zu halten.

“Mein Chef will, dass ich es nochmal versuche”, sagte Narvaes. “Ich sagte ihm: Chef, sie haben mich am Montag fast getötet.”

Fahrer, die nach einer 15 stündigen Fahrt von der westlichen Grenze des Landes zu Kolumbien Käse in Caracas abladen, sagte dass auf die Lastwagen geschossen wurde und sie mit Steinen beworfen wurden und dass sie an Militärischen Kontrollpunkten Schmiergelder in Geld oder Käse zahlen müssten, damit sie weiterfahren dürfen.

“Ähnliche Situationen gibt es fast im ganzen Land”, sagte Alfredo Sanchez, der führende Fahrer eines Unternehmens mit dem Namen Paisa.

Ein Fahrer vom Unternehmen La Guanota, der sich selbst Tony nennt, sagte, dass Aufständische Lieferwagen umstellten und Schweine und Hühner aus den Wagen plünderten, als er durch den Staat Aragua im mittleren Norden des Landes fuhr. “Ich hatte große Angst”, sagte er.

Einige wohlhabendere Konsumenten erhalten ihre Nahrungsmittel über den Schiffsweg nach Venezuela. Soraya Cedillo, der Besitzer einer Kurierfirma sagte, dass 70% ihrer Kunden Venezuelaner sind, die in den Vereinigten Staaten leben und Produkte wie Getreidemehl, Zucker, Milchpulver, Toilettenpapier und Tampons für ihre Verwandten in der Heimar einkaufen.

Vor zwei Monaten begann Maria Eugenia Rodriguez, eine Zahnärztin und Mutter von zwei Kindern damit, Produkte wie Milchpulver, Zucker und Brot Online zu bestellen. “Ich kaufe Splenda von Amazon”, sagte sie und verwies auf die Online Plattform. “Alle paar Wochen bekomme ich eine Kiste mit Grundnahrungsmitteln direkt von einem Kurier aus den Vereinigten Staaten, der sie bis vor meine Haustür liefert.”

In Caracas sind die Schlangen vor den Geschäften so lang geworden, dass sie zu alleinigen Ökosystemen des Kommerz wurden. Vor dem Plansuarez Supermarkt in Caracas verkaufen Händler Zigaretten und Limonade aus rostigen Einkaufswagen an die Hunderte Menschen, die an diesem Tag in der Schlange standen. Um die Menschenmengen zu verkleinern erlauben die Polizisten lediglich Menschen mit ein speziellen Nummern auf ihrem Personalausweis in der Schlange stehen zu dürfen.

„Wir warten und wissen nicht einmal, was sie uns heute bringen werden, oder ob sie überhaupt irgendetwas bringen werden“, sagt Yorilei Ramos, 51 Jahre alt, als er neben seiner 9 jährigen Tochter steht. „Deine Kinder weinen, weil sie Hunger haben und du musst ihnen sagen: ich habe nichts.”

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