Warum werden Engländer wieder zu Hooligans?
Jean-Paul Pelissier/Reuters
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Um Antworten hierauf zu finden, muss man einen Blick auf die gegenwärtige Britische Politik und die Geschichte werfen.

Es gab eine Zeit, in der man es als beinahe selbstverständlich ansah, wenn ein Mob junger Engländer bei einem Fußballspiel Ausschreitungen verursachte. Besonders in den 1980er Jahren war der Englische Fußball Hooligan auf dem gesamten Kontinent gefürchtet.

Er wanderte in Mobs umher und war während heißem Wetter meist Oberkörperfrei zu sehen. Er konsumierte massenweise Bier und stellte eine von keinem anderen Land der Welt erreichte Bedrohung für die öffentliche Ordnung dar. Er verachtete alle anderen und war sich sicher, dass es keine anderen Kämpfer auf der Welt geben würde, die es mit den Engländern aufnehmen könnten. Er war ein Abkömmling der Thatcher Ära mit einem Buzzcut, einem Bierbauch und einem Tattoo des St. George Kreuzes auf seinen fleischigen Unterarmen.

Härte wurde zum Selbstzweck und etablierte sich als moralische Tugend. Die, die vor ihm flohen und sich wegen seiner Schläge und Tritte krümmten, waren für ihn von geringerem Status – (Spaghettifresser, Froschfresser, Krautfresser und Kebabfresser).

Bill Buford fing die Welt des Englischen Fußball Hooliganismus in seinem Buch „Unter den Übeltätern“, einer Abrechnung mit der Gewalt im Fußball der 1980er Jahre, ein. Vor allem nach den Vorfällen aus der letzten Woche in Marseille, als Englische Fußballfans eine piratenähnliche Schneise in die alte Hafenstadt schnitten, indem sie tranken, sich prügelten, sich übergaben, fluchten, Dinge zerstörten (Flaschen, Köpfe etc.) und der Französischen Bereitschaftspolizei einen harten Wettkampf boten.

Buford verbrachte Monate mit verschiedenen Gruppen– oder „Firmen“, wie sich die Englischen Fußball Hooligans selbst nennen. „Die Fans mochten den Fremden nicht“, erklärte Buford. „Außenstehende sind etwas, das sie wirklich hassen.“

Die Engländer randalierten schon in den Tagen zuvor, bevor sie überhaupt auf die Russen trafen.

Der Englische Hooligan – einem Wort auf das diese Männer stolz sind – „wollte ein England, das er verteidigen kann“. „Sie wollten einen Krieg.“ „Sie wollten eine Nationen, der sie angehören und für die sie kämpfen können.“ (Es gibt einenexzellenten Essay von David Rudin zum Buch von Buford, der letztes Jahr im Howler Magazine erschien.)

Die Entstehung der Premier League im Jahr 1992 spülte viel Geld in den Englischen Fußball und damit veränderten sich auch die Englischen Fußballstadien: Viele Fans aus der zilisierten Mittelschicht strömten ins Stadion. Sie prügelten sich nicht mehr mit Bierfahnen auf den Tribünen und pinkelten auf Fans in den unteren Reihen, sondern saßen ganz im Gegensatz dazu auf numerierten Sitzen. Mit dem neuen Geld – und lukrativen globalen Fernsehverträgen – kam auch die Notwendigkeit neuer Polizeikontrollen auf. Hooliganismus wurde kostspieliger und schwieriger zustande zu bringen. Im coolen und multikulturellen Großbritannien der 1990er Jahre kam Hooliganismus zudem absolut aus der Mode.

Warum also kam es nach einer so langen und schönen Flaute nun in Frankreich zu einem plötzlichen Comeback des Englischen Fußball Hooliganismus? Die Antwort auf die Frage liegt nur zum Teil in der Präsenz der Russischen Chaoten, die in den Kampf gegen die Englischen Hooligans gezogen sind. Und sicherlich nahmen an der Schlacht vor dem England-Russland Spiel am Samstag Schläger aus aus beiden Lagern teil.

Doch die Engländer verwüsteten Marseille zwei ganze Tage lang, bevor sie überhaupt auf die Russischen Hooligans tragen. Was also hat dazu geführt, dass sie ihren primitiven Gewohnheiten derart freien Lauf lassen konnten? Ich habe mich bei zwei Freunden von mir umgehört, die scharfsinnige Beobachter der Situation Englands sind. Einer von ihnen ist ein ausgezeichneter Schriftsteller, der andere ein viel gelobter Rechtsberater der Queen.

„Sie hassen die Franzosen einfach und das schon seit 800 Jahren“, sagte der Schriftsteller. Dies liegt zum Teil daran, dass die herrschenden Klassen in England Franzosen oder Normannen sind“, und über Jahrhunderte über die niederen Klassen – denen auch die Hooligans entspringen – geherrscht haben. Der Anwalt hatte eine andere Erklärung. „Es gibt mittlerweile nur noch sehr wenig Ausläufer des überwiegend männlichen Britischen Stammesdenken. Obwohl die Wirtschaft wirklich gut funktioniert, ist sie nicht auf harte, körperliche Arbeit in gemeinschaftlichen Arbeitsumgebungen angewiesen. Der Staat sieht keine Vorzüge mehr in Männlichkeit.

Großbritannien, so fährt er fort, „hatte schon immer weltklasse Rüpel. Das Britische Empire entstand, weil diese Männer in den Kohleminen arbeiteten und Stahl herstellen konnten und die schneller mit Schiffskanonen feuern konnten und Gewehre besser reparieren konnten als jede andere Nation in der Welt.“

Großbritannien ist nicht allein mit der Präsenz junger, stolzer männlicher Unruhestifter aus der Mitte der Gesellschaft. Der Kult flacher männlicher „Härte“ ist in vielen Teilen der Welt gegenwärtig. Doch nur in England ist es mit dem Selbstbewusstsein der globalen Überlegenheit der Chaoten verknüpft. Nennt es die Englische Eigenart. Und dies Eigenart erklärt den Slogan der Englischen Rowdies, der vor allem auf der ethnischen und nationalen Verunglimpfung anderer Länder beruht.

„Hebt die Hände, falls ihr die Franzosen hasst!“, riefen die Englischen Mobs in Marseille. Kann man Gruppen Französischer, Deutscher oder Spanischer Chaoten vorstellen, die so etwas im Herzen von Liverpool oder Manchester machen? Natürlich nicht. Doch der Englische Fan fühlt sich durchaus dazu berechtigt, die einheimischen Regeln im Herzen ihrer Städte zu verletzen. Das es gerade jetzt passiert ist kein Zufall – und die Rückkehr des Englischen Hooliganismus ist höchstinteressant, vor allem politisch. Der Englische Nationalismus war über viele Jahe nicht so präsent, wie er zum jetzigen Zeitpunkt in Großbritannien ist. Die Debatte um Brexit hat ein paar hässliche Impulse und einige noch hässlichere Stereotypen hervorgebracht. Die Boulevardpresse, neben Pornoheften und Comicbüchern die Hauptlektüre für den durchschnittlichen Englischen Rowdy, hat Groll gegen Ausländer wieder aufleben lassen.

Darin ist es anscheinend erlaubt, komplette Nationen wie Türken, Polen, die Roma, Bulgaren, und Letten zu beschimpfen und Dinge zu sagen, die im modernen Britischen Diskurs eigentlich schon längst überwunden worden waren. Klempner, Schmarotzer, Prostituierte, Zigenuer, Bettler, Terroristen, NHS-Parasiten, Gehaltsunterbieter...sie alle sind der Fehler der EU, die in der Englischen Dämonologie, ein Projekt Frankreichs ist.

Mit Bäuchen voll Bier, zusammengerollten Bouvelardzeitungen in den Hosentaschen, Köpfen auf die die Sonne scheint und mit Gedanken an Brexit sind die Englischen Fußballfans bereit zum Kampf und wollen ihre verwahrlostes Nationalistisches Theater auf die große Bühne bringen. Es passierte in Marseille.

Als nächstes wird ein Lens passieren, wo England gegen Wales spielt, und dann ein Saint-Étienne, außer die Franzosen erhöhen ihr klägliches Polizeiaufgebot – oder wenn England aufgrund ihrer Hooligans von der Europameisterschaft 2016 ausgeschlossen wird. Das wäre wohl das schmählichste Brexit von allen.

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