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Werden wir in Gebäuden aus Müll, streng überwachten Smart Cities oder vielleicht in schwimmenden Gemeinden, die dazu konstruiert sind, den ansteigenden Meeresspiegel zu bewältigen leben?

Inmitten des viel mythologisierten Graffities, das zur Zeit der französischen Studentenaufstände im Jahr 1968 an der Universität Sorbonne auftauchte, befand sich eine Zeile, die immer noch doppeldeutig und faszinierend ist: “Die Zukunft wird nur das enthalten, was wir jetzt in sie investieren.”

Was zuerst utopisch anmuten mag, ist letztendlich doch mehr als ein Fingerzeig auf das Bedrohliche. Während Augmented Reality für jeden Bewohner individualisierte Städte erschafft und Entwicklungen der Modularchitektur und Nanotechnologie dahin führen könnten, dass Räume ihre Form und Funktion nach Belieben verändern, liegt das Problem im Unvorhersehbaren. Die Smart City wird auch eine Stadt der Überwachung sein.

Derzeit sind wir sehr eng mit oberflächlich visuellen Zukunftskonzepten verbunden. Es ist wahrscheinlich, dass die bestehende Chrom und Chlorophyll Vision der Architekten und Stadtplaner eher zu einer verlockenden und veralteten Modeerscheinung werden wird, in etwa wie die Raygun Gothik der Jetsons oder dem Cyberpunk aus Blade Runner.

Die Innovationen werden statt eines plötzlichen Sprungs in Space-Age artige Stadtkulissen wohl eher in Echtzeit stattfinden – und so werden es auch die Katastrophen. Die Ungeheuerlichkeit dessen, was auf die Städte zukommt, scheint weitab von aller Vorstellungskraft zu liegen und fördert Aufschub und Verweigerung. “Überlebensfähigkeit” sollte in einer Reihe mit urbanen Schlagworten wie Anbindung und Nachhaltigkeit stehen. Etwa drei Drittel der größten Metropolen befinden sich an der Küste. Allein in China ziehen 20 Millionen Menschen jährlich in die Städte. So ist das hochwassergefährdete Perlenflussdelta laut World Bank mittlerweile das am meisten urbanisierte Gebiet der Welt

Ein vor kurzem von Christian Aid veröffentlichter Bericht zeigt, dass sich mehr als eine Milliarde Menschen in Küstenstädten befinden, die durch den Klimawandel bis zum Jahr 2070 ein hohes Risiko für Überschwemmungen und extremes Wetter besitzen. Kalkutta, Mumbi und Dhaka führen die Liste an. Und viele weitere Menschen sehen sich den Folgewirkungen von schweren Überschwemmungen gegenüber, wie etwa einem Mangel an Trinkwasser, Flüchtlingskrisen und politischer Instabilität.

Es stellt sich die Frage, inwiefern eine weitreichende Anpassung im Anbetracht der kurzen Wahlzyklen, dem beständigen Einfluss wirtschaftlicher Interessen und der Untätigkeit möglich sein wird und wie hilfreich sie für den Status Quo sein kann.

Seit Kenzō Tange’s Tokyo Bay Plan (1960) besteht eine Tendenz zu faszinierenden doch derzeit bloß kurzlebigen “schwimmenden” Städten. Für echte Städte, die der Gefahr eines steigenden Meeresspiegels ausgesetzt sind, nennt Seth McDowell von den Mcdowellespinosa Architekten drei Strategien: “Verteidigung, Rückzug und Anpassung.” “Städte und Bevölkerungen mit großzügigen Ressourcen und Kapazitäten für Maschinenbau werden sich natürlich eher für die Strategie der Verteidigung entscheiden und große technische Strukturen errichten, die das Wasser fernhalten, vergleichbar mit den Delta Works in den Niederlanden.

Für solche, die sich in der Nähe des Wassers befinden und nur über limitierte kulturelle und ökonomische Ressourcen verfügen, werden wir wohl eher den Rückzug als Strategie erkennen. Jedoch sehe ich Rückzug sowohl horizontale wie auch als vertikale Methode. Rückzug bedeutet nicht nur, die Sachen zu packen und landeinwärts zu ziehen, sondern sich quasi bis über das Wasser hinweg zu erhöhen.” Venedig ist ein häufig genutztes Beispiel für diesen Prozess, doch ein aktuelleres Beispiel (auch wenn es ästhetisch weniger ansprechend sein mag) ist die Ölplattformstadt Neft Daşhlari in Aserbaidschan. “Wasser wird zu einem neuen Bezugspunkt – nicht so sehr ein bewohnbarer Ort, sondern vielmehr in fluktuierender Boden”, erklärt McDowell.

“Städte könnten entworfen oder neu erfunden werrden, so dass sie dem steigenden Meeresspiegel trotzen und sich anpassen können...und eine Koexistenz von Wasser und Zivilgesellschaften erlauben. Diese Strategie lässt sich in Projekten wie De Urbanisten’s Water Square Benthemplein in Rotterdam, in dem ein öffentlicher Platz zudem auch als Speicherplatz für Wasser dienen könnte, erkennen.”

Mit ihrem Governors Hook Projekt, unternimmt das Architekturkollektiv Terreform One einen ähnlich widersinnig scheinenden und doch praktischen Versuch, in dem “Wasser nicht zurückgehalten werden soll, sondern durch das Design angenommen werden kann.”

Die Beziehung zwischen urban und ländlich müsse nochmals überdacht werden, empfiehlt der Mitbegründer Mitchell Joachim, damit Städte eine Belagerungsmentalität entwickeln können und einem fast hoffnungslosen Kampf mit den Elementen stellen können. “Wir müssen viel größere dieser weichen Pufferzonen finden, die beide Welten akzeptieren können, sowohl die der Natur als auch die der Städte. Vor dem Hurricane Sandy haben wir diese Geisterflotten, alte Militärschiffe als künstliche Riffe genutzt, die in den Rändern unserer Stadt platziert wurden, um Sedimentierung herbeizuführen und es Lebewesen zu ermöglichen, darauf über die Zeit hinweg etwas aufzubauen und so quasi Mittelzonen zwischen dem Land und dem Meer zu erschaffen.”

Die von Hurricane Sandy erzeugte Verwüstung ließ diese Pläne recht einschlägig, wenn nicht sogar prophetisch wirken.

Mit Abfall umgehen

Die Bevölkerungsexplosion und die Fortschritte des industriellen Zeitalters haben zu einem unvorhersehbaren Niveau an Abfällen in Deponien, dem Meer und dem Himmel geführt. Methoden die hier gegenhalten können, wie etwa die sich entwickelnde Nanotechnologie, die eine Verringerung der Verschmutzung von Gebäuden auf ein molekulares Niveau vorhersagt, befindet sich noch immer in den Kinderschuhen.

In der Zwischenzeit ist Abfall genauso zu einem Testament der Zivilisation geworden wie die Skylines der Städte. Mcdowellespinosa geht von einer Veränderung im Denken aus: “Abfall ist bloß ein materieller Zustand”, sagt McDowell. “Seitdem es dazu neigt, ungewollt zu sein, ist es günstig.

“Das Hauptproblem das in der Betrachtung von Abfall als Rohmaterial besteht ist die Energie, die dazu aufgewendet werden muss, um das Material von einem Zustand der Verweigerung in einen Zustand der Verfeinerung zu verwandeln.

Dazu kommt die Herausforderung in der Wahrnehmung – wie kann Abfall akzeptable visuelle und leistungsdienliche Standards erfüllen? Dieser Idee sind wir in Projekten wie City of Blubber nachgegangen, in dem wir uns vorgestellt haben, wie die Essensabfälle von Hong Kong in ertragsfähiges Bioplastik umgewandelt werden kann.” Was wir womöglich als absurd ansehen, geschieht derzeit schon aus Notwendigkeit in Orten wie Manshiyat Naser in Ägypten, wo eine “Müllstadt” als Abfalldeponie von Kairo dient. Mitchell Joachim stimmt zu, dass unser derzeitiges Konzept problematisch ist.

“Zu Abfall gibt es nichts vergleichbares. Abfall sollte verschwinden, doch das kann es nicht. Wir suchen nach vollkommen upcyclebaren Städten, in denen von uns gemachte Projekte, Produkte und Konzepte dazu beabsichtigt werden, immer und immer wieder aufs neue upgecycled zu werden.

Dies spiegelt sich im Terreform One’s Rapid Re(f)use Projekt wieder – einer “Zukunftsstadt [die] keinen Unterschied zwischen Abfall und Versorgung macht.”

Joachim, der in Projekte wie Peristaltic City oder das umwandelte Arktische Ecotarium von Future North eingebunden ist, spricht von einem radikalen Wandel unserer ökonomischen und politischen Systeme, damit er sich mit unserem technologischen Einfallsreichtum decken kann.

“Es wird zwar behauptet, dass wir uns im Zeitalter der Anthropocene befinden, doch ich denke, es ist richtiger vom Capitalocene zu sprechen. Jeder muss wachsen und beweisen, dass er wächst. Und wir wissen, dass das unmöglich ist. Nichts wächst ins Unendliche. Sei es auf dem Markt oder in der Umwelt, es wird immer Belastungen geben, die Rückkopplungen verursachen.

“Wir von Terreform One gehen nicht von einem endlos wachsenden System aus, doch von einem Staat, in dem Abfall nicht existiert – ein stabiler Zustand oder eine geschlossene Ökonomie, die zurückschaut und die Grenzen des Metabolismus der Erde kennt und was wir daraus ziehen können. Dies würde durch Kalkulation der Fußabdrücke und durch Analysen der Lebenszyklen von alldem, was wir produzieren, geschehen.”

Joachim bringt uns dazu, die Stadt nicht bloß unter ihrem architektonischen Aspekt zu betrachten, sondern sie vielmehr als eine Abfolge miteinander verbundener metabolischer Systeme, ähnlich eines biologischen Organismus, zu betrachten.

“In einer Kultur der Biologie entwirft man etwas nicht bloß aus einem einzigen Grund. Ein Kirschbaum dient tausenden anderen Formen von Leben. Er produziert tausende Kirschen, die vom Boden aufgenommen werden und gibt vielen verschiedenen Arten von Flora und Faune Nährstoffe. Es ist in ein Netzwerk des Lebens integriert.” Die Ideen und Entwürfe von Terreform One mögen auf den ersten Blick wild visionärisch wirken, doch bei näherer Betrachtung merkt man, dass sie mehr als bloß spekulative Konzepte sind, nämlich funktionierende Modelle.

“Wir entwerfen sehr detaillierte fiktive Szenarien, die nicht prophezeien, wie es in der Zukunft sein wird, sondern wir denken darüber nach, was die immanenten Probleme sind, rücken diese in den Vordergrund und sprechen in einer logischen Weise darüber, wie die Städte darauf reagieren könnten.”

Die Hürde, die sich in der Anpassung von Städten ergibt ist dieselbe Hürde, die im Angriff der fossilen Brensstoffe entsteht; Joachim nennt dies “rücksichtslosen Widerstand”. “Als Ölunternehmen wird man sagen: "Ja, Solarmodule sind großartig, darin werden wir investieren. Im Jahr 2050 werden wir ausschließlich Solarmodule benutzen." Bis dahin werden sie jeden Tag, den sie in Betrieb sind, enormen Profit bringen, so dass sich alles verzögert.”

Beachtet man, wie sehr diese Interessen in politische Kreise eingebunden sind, dann benötigt ein Wandel von Innen heraus eine unwahrscheinliche Synthese der gemeinschaftsorientierten Philosophie von Jane Jacobs und der Kraft, den Kontakten sowie dem Einfluss von Robert Moses.

Es könnte einen katastrophalen Ruck geben (“ein ökologisches Pearl Harbour”) um das Kalkül der fahrlässigen Ökonomie zu ändern, um ein aufrüttelndes Symbol zu schaffen und das Problem zu fokussieren, auch wenn es sich dann schon in einer Phase befinden könnte, in der es zu spät ist. Eines Tages folgen Städte vielleicht ihren Einwohnern und werden mobil. Ron Herrons Walking City for Archigram vermittelt wohl immer noch die Bilder weit entfernter Science Fiction, doch die Idee eine Stadt zu bewegen ist bereits geschehen: die schwedische Stadt Kiruna wurde drei Kilometer entfernt verlegt.

Und mit den Entwicklungen des Zusammenbaus von Gebäuden durch Drohnen, mit Nanotechnologie unterstützten Materialien und industriellem 3D Drucken könnte eine Verschiebung oder Neuanordnung von Städten um einiges leichter werden als zum jetzigen Zeitpunkt.

Sich verändernde Städte

Der wohl wahrscheinlichste Ausgang ist, dass Städte einfach so bleiben, wie sie sind oder verwaisen. Die Kosten der Veränderungen könnten dazu führen, dass ganze Gegenden verlassen werden (wie in den Modellen von Detroit und New Orleans zu sehen ist), während privilegiertere Gegenden geschützt werden. Verlassene Gebiete und Ruinen könnten in küstennahen Städten entstehen, wenn Autoritäten und Reiche auswandern würden.

Wie jede Prophezeiung enthält auch die von Clouds Architecture Office’s Aqualta eine Kritik der gegenwärtigen Zustände, indem sie eine teilweise versunkene Stadt ins Auge fassen, in der das Leben nichtsdestotrotz weiter fortschreitet. “Die Stadt würde quasi ihren Rock heben, damit das Wasser um ihre Füße fließen kann”, erklärt Partner Ostap Rudakevych.

“Wenn wir uns die Auswirkungen ausmalen – durchflutete U-Bahn Tunnel, versunkene Straßen und Fußwege, Geschäfte auf Straßenhöhe unter Wasser – gehen daraus völlig neue Zustände hervor, wie etwa Transport durch Schiffe oder steuerbare, schwebende Gehwege, Austernbanken und ein grundlegend langsamer und ruhiger Lebensstil. Womöglich wären fossile Brennstoffe dann verschwunden und es würde eine ruhigere Stadt ohne die Geräusche von Getrieben und Motoren entstehen.

“Anstatt dass wir immer komplexere Technologien in einem ausartenden Kampf gegen die Natur erfinden, sollten wir uns an das Wasser anpassen und es einladen.”

Nach der anfänglichen Überraschung gibt es sinnvolle Ideen und eine vernichtende Wahrnehmungsweise, die dem Projekt zu Grunde liegt: “Aqualta wurde von der Beobachtung gelenkt, dass Menschen resistent dafür sind, sich zu verändern, vor allem wenn es bedeutet, dass sie ihren Komfort oder ihre Bequemlichkeit verlassen müssen. Die benötigten Anpassungen in der Lebensweise gingen nur sehr langsam oder gar nicht von statten. Aqualta sollte eine Art kurz brennender Weckruf sein, eine verlockende Darstellung dessen worauf wir uns zu bewegen, ob man es mag oder nicht.”

Um über die oberflächlichen Aspekte der Zukunftsstädte hinaus gehen zu können, muss man unter die architektonische Schale und das Marketing der Systeme, sowie der Beziehungen und der Menschen blicken – die Einwohner eher als die Festungen.

“Eine Stadt ist mehr als ein Ort im Weltraum”, stellte Patrick Geddes heraus, “es ist ein Drama inmitten der Zeit.” Veränderung wird kontinuierlich sein, weil “eine Stadt zu designen ist, als wenn man ein Aquarell in einem Fluss malen würde”, sagt Joachim.

Um bewahrt zu werden, muss die Stadt anpassungsfähig werden. Und so müssen es auch seine Designer und seine Einwohner – doch sie müssen es gemeinsam tun. Wir sind endlos dabei, die Zukunft phantasievoll vorherzusagen, um uns von der Tatsache abzulenken, dass wir bereits dabei sind, sie zu erschaffen, im Guten wie im Schlechten.

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