Schlacht in Falludscha
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Die jüngste Schlacht in Falludscha ist ein Symbol für die Sinnlosigkeit der US-Bemühungen im Irak

Der Kampf um die Rückeroberung der irakischen Stadt Falludscha ist in vollem Gange: 20.000 irakische Soldaten, unterstützt von der US-Luftwaffe und Beratern, versuchen zwischen 800 und 1.000 ISIS-Kämpfer zu vertreiben.

Das ist jetzt das dritte Mal seit 2003, dass US- und irakische Kräfte um die Rückeroberung Falludschas kämpfen (aufbauend auf einer sogar noch längeren britischen Tradition der Rückeroberung Falludschas.)

Doch die Frage ist nicht, ob die USA und ihre Verbündeten Falludscha werden einnehmen können – das tun sie immer. Die wirkliche Frage ist, ob das letztendlich einen Unterschied machen wird. Während der jüngste Kampf um Falludscha seinen Lauf nimmt, sind Verluste und Rückeroberungen der Stadt zum Symbol der absoluten Zwecklosigkeit US-amerikanischer Anstrengungen im Irak geworden.

Falludschas Rückeroberung ist aufwändig, doch die USA sind immer erfolgreich

Schlacht in Falludscha
Falludscha, 2004. AP Photo/Anja Niedringhaus

Der strategische Wert von Falludscha ist klar. Es liegt lediglich rund 65 Kilometer von Bagdad entfernt am Fluss Euphrat entlang und ermöglicht die Kontrolle der Hauptverkehrsader nach Jordanien und Syrien. Die dortige Präsenz von ISIS stellt eine ständige Bedrohung für Bagdad und einen Stachel im Fleisch der irakischen Regierung dar. ISIS muss erst aus Falludscha vertrieben werden, bevor sich das irakische Militär auf das eigentlich wichtigere Ziel Mossul, zweitgrößte Stadt des Irak, im Norden konzentrieren kann.

Doch der Preis für die Kämpfe um Falludscha war für alle Beteiligten sehr hoch. Die zweite Schlacht um Falludscha im Jahr 2004 war die blutigste des Irak-Krieges von 2003 bis 2011. Die USA verloren bei der Rückeroberung der Stadt 2004 fast 100 Soldaten. Die Aufständischen verloren ganze 1.500.

Die Stadt wurde mehrere Male dem Erdboden gleichgemacht und praktisch alle Einwohner der Stadt – rund 350.000 Menschen – waren wieder und wieder gezwungen aus ihren Häusern zu fliehen. Noch viele mehr werden in der nächsten Schlacht ihr Leben lassen, da ISIS die Stadt erbittert verteidigt und ein Meer an Sprengfallen zurücklässt.

Trotzdem haben die USA und ihre Verbündeten alle bisherigen Schlachten um Falludscha für sich entschieden. Und obwohl die USA dieses Mal nur eine unterstützende Rolle einnehmen, sollte auch diese Operation erfolgreich verlaufen. Das US-Militär ist ein unglaublich schnell dazulernende Organisation und bei jeder Rückeroberung der Stadt Falludscha wird es besser darin.

Doch eine Rückeroberung Falludschas ist nur der erste Schritt

Die Frage ist was passiert, wenn ISIS vertrieben ist und die irakische Regierung übernimmt. Im Jahr 2013 erhoben sich die sunnitischen Bewohner der Stadt gegen die Zentralregierung in Bagdad und deren sektiererische Unterdrückung. Aus ihrer Sicht hatte die irakische Regierung unter Premierminister Nuri al-Maliki eine systematische Unterdrückung der Sunniten eingeleitet, unter Konzentration auf die Auflösung sunnitischer Sicherheitskräfte und Festnahmen führender Politiker der Sunniten.

Heute gibt es eine neue, zurückhaltendere Regierung in Bagdad. Sie ist finanziell und militärisch schwach und hat ermutigende Schritte zur Dezentralisierung der Macht und Versöhnung mit Sunniten und Kurden unternommen. Doch sie wird nach wie vor dominiert von Schiiten, stützt sich in militärischer Hinsicht weiterhin auf erbittert sektiererische schiitische Milizen und hat es bisher versäumt, irgendeine Form der Versöhnung mit irakischen Sunniten zu erreichen.

Ohne Fortschritte im Versöhnungsprozess werden die Sunniten und Schiiten im Irak sich weiterhin als Todfeinde betrachten. Die irakische Zentralregierung, deren Überleben vom Iran und einer Reihe schiitischer Milizen abhängt, wird sich nicht ohne weiteres in Richtung einer inklusiven Politik bewegen.

Vielmehr wird eine dank der Kredite internationaler Finanzinstitutionen und militärischer Unterstützung durch die USA wiedererstarkte irakische Zentralregierung sich wieder auf ihre alten repressiven Methoden verlassen. ISIS trägt unter den territorialen Verlusten zu dieser Entwicklung bei, indem er sich mit einer Serie von Selbstmordattentaten in Bagdad auf seine alte Strategie der Verschärfung konfessioneller Konflikte im Irak besinnt.

Schon fordern von radikalen schiitischen Kreisen aufgewiegelt Demonstranten in Bagdad eine Verbesserung der Sicherheitslage und ein Ende der Korruption in Regierungskreisen und drängen die Regierung dazu, in großem Stil gegen sunnitische Extremisten vorzugehen. Es ist leicht vorstellbar, dass diese Dynamik wieder einmal außer Kontrolle gerät und die Sunniten in Falludscha und dem gesamten Irak zurück in die Arme der nächsten extremistischen Gruppierung treibt (oder einfach ISIS 3.0 – auch die Extremisten neigen im Irak dazu, sich zu wiederholen).

Falludscha steht exemplarisch für tieferliegende Mängel der US-Strategie im Irak

Viele Offizielle und Analysten in den USA glauben, dass der Irak in konfessionellen Konflikten versunken ist, weil sie die USA im Dezember 2011 zu früh zurückgezogen hätten. Der Irak war immer noch fragil und seine Gemeinschaften nach wie vor nicht versöhnt, sodass er nach dem Abzug der US-Truppen schnell ins konfessionelle Chaos stürzte. Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt in der Invasion von ISIS 2014.

Um es diesmal richtig zu machen, behaupten dieselben Offiziellen und Analysten nun, müssten die USA die Sache im Irak aussitzen: die Kontrolle behalten, die irakische Regierung kontrollieren und konfessionelle Spannungen verhindern, bis die irakische Politik komplett entwickelt ist. Wie lang das dauern könnte? John McCain glaubt vielleicht 100 Jahre.

Leider hat dieser Plan einige Schwächen.

Erstens ist es nach wie vor erstaunlich unklar, wie lediglich einige tausend Streitkräfte (aktuell befinden sich 4.000 und 5.000 US-Truppen im Irak) in der Lage sein sollten, diese Art des Einflusses im Irak auszuüben. Zur Zeit sind die Ansichten der USA wichtig für die Machthaber im Irak, weil diese auf die Unterstützung der USA beim Training irakischer Streitkräfte und der Rückeroberung von ISIS-Territorium angewiesen sind – und trotzdem ist es den USA bisher kaum gelungen, die irakische Regierung zu entscheidenden Zugeständnissen bei der Aufteilung der Macht oder dem Anstreben von Versöhnung zu bewegen.

Wenn ISIS allerdings einmal aus den Städten vertrieben ist, werden die USA ihre letzten Druckmittel gegenüber der irakischen Regierung verlieren. Was genau werden die US-Truppen dann zur Verhinderung schiitischer Unterdrückung der Sunniten oder zur Beendigung der Korruption innerhalb der irakischen Regierung unternehmen?

Der einzige echte Weg, wie US-Truppen tatsächlich dieses Ausmaß an Kontrolle über die irakische Regierung ausüben können, ist mittels einer Okkupation. Erfahrungswerte lassen vermuten, dass die Iraker für die nächsten hundert Jahre dieses Niveau der Einmischung in ihre Angelegenheiten nicht akzeptieren werden.

Tatsächlich erklärte der irakische Premierminister Haider al-Abadi, dem die USA 2014 an die Macht verhalfen, zur Frage von US-Bodentruppen unmissverständlich: „Wir wollen sie nicht. Wir werden das nicht zulassen. Punkt.“ Bei anderer Gelegenheit erklärte er: „Jedwede ausländischen Bodentruppen auf irakischer Erde werden als feindliche Truppen behandelt werden.“ Das klingt nicht nach einem Rezept zur langfristigen, friedlichen Stationierung von Streitkräften.

Ist es außerdem überhaupt realistisch, dass die US-amerikanische Öffentlichkeit und zukünftige US-Präsidenten eine 100-jährige Okkupation des Irak akzeptieren würden? McCain verweist darauf, dass die US-amerikanische Öffentlichkeit genau das in Bezug auf Deutschland, Japan und Südkorea hingenommen hat.

Doch mit Ausnahme einer kurzen Phase direkt nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan und Deutschland waren das keine Okkupationen. Die Truppen waren dort lediglich auf eine Bitte der Regierung hin stationiert – sie spielten keine Rolle bei der Regierungsführung und mischten sich nicht in den Innenpolitik ein. Sie verlebten ein äußerst friedliches Dasein.

McCain und andere fordern hingegen von den US-Streitkräften im Irak, 100 Jahre der Nötigung auszuüben. Wie McCain selbst feststellte, sollten US-Truppen weiterhin im Irak kämpfen und sterben, selbst in kleinen Zahlen, wird die US-Öffentlichkeit der Übung bald überdrüssig werden. Irgendwann in den kommenden Jahrzehnten (und wahrscheinlich sogar früher) wird ein zukünftiger Präsident der US-Öffentlichkeit einen Ausweg anbieten, so wie Obama es 2011 getan hat.

An dieser Stelle wird Senator McCain auf dem Weg zur zigsten Wiederwahl in den Senat im zarten Alter von 97 die gesamte Operation für gescheitert erklären und voraussagen, dass der Irak ohne eine Restationierung von US-Streitkräften wieder im Chaos versinken wird.

Sollte das so kommen braucht man sich allerdings keine Sorgen zu machen: Das US-Militär wird einfach Falludscha zurückerobern. Das kann es richtig gut.

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