Bagdad: die Geschichte
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Bagdad sollte zum kulturellen Leitstern der Welt werden

Auch wenn Bagdad heute für innerstädtische Verwüstung und Gewalt undenkbaren Ausmaßes steht, so war seine Gründung vor 1.250 Jahren ein leuchtender Meilenstein in der Geschichte der Stadtplanung. Sie war sogar ein Wahrzeichen der Zivilisation, die Geburt einer Stadt, die schnell zum kulturellen Leitstern der Welt werden sollte.

Im Gegensatz zu weitverbreiteten Annahmen ist Bagdad alt, aber nicht antik. Im Jahr 762 n. Chr. durch den abbasidischen Kalifen al-Mansur „dem Siegreichen“ als neuer Sitz seines islamischen Imperiums gegründet, ist es für mesopotamische Verhältnisse eher arriviert als 'Grand Dame' – ein Emporkömmling im Vergleich zu Nineveh, Ur und Babylon (siebtes, viertes und drittes Jahrtausend v. Chr., in dieser Reihenfolge).

Verglichen mit Uruk, einer weiteren antiken mesopotamischen urbanen Siedlung die für sich in Anspruch nimmt, eine der ältesten Städte der Welt zu sein und welche um 3.200 v. Chr. herum mit einer geschätzten Bevölkerung von 80.000 das größte urbane Ballungszentrum des Planeten war, ist Bagdad geradezu ein Säugling. Einige glauben, die arabische Bezeichnung für Babylon, al-Iraq, leitet sich von ihrem Namen ab.

Dank detaillierter Aufzeichnung über ihre Errichtung wissen wir äußerst viel über die akribische und kreative Planung der Stadt. Zum Beispiel war dort zu lesen, dass als Mansur auf der Suche nach einem geeigneten Standort für seine neue Hauptstadt den Tigris auf und ab segelte, er von einer schon lange vor den Muslimen in der Region lebenden Gemeinde nestorianischer Mönche zum ersten Mal auf die günstige Stelle hingewiesen wurde.

Bagdad: die Geschichte
Bagdad, 1883

Laut dem im 9. Jahrhundert lebenden arabischen Geographen und Historiker Yaqubi, Autor vom Buch der Länder, bot ihr die handelsfreundliche Lage am Tigris und nahe des Euphrat das Potenzial, zur „Kreuzung des Universums“ zu werden. Das war eine nachträgliche Bestätigung. Yaqubis Aufzeichnungen stammen aus einer Zeit, als Bagdad, Stadt des Friedens, bereits zum Zentrum der Welt geworden war, Hauptstadt des allgegenwärtigen Dar al-Islam, Heimat fortschrittlicher Wissenschaftler, Astronomen, Poeten, Mathematiker, Musiker, Historiker, Rechtsgelehrter und Philosophen.

Als sich Mansur einmal für den Standort entschieden hatte, konnte er sich um die Gestaltung kümmern. Wiederum steht geschrieben, dies sei vollständig das Werk des Kaliphen gewesen. Unter strenger Beobachtung ließ er von Arbeitern die Umrisse seiner runden Stadt mit Asche auf den Boden zeichnen.

Der perfekte Kreis war ein Tribut an die geometrischen Lehren von Euklid, den er studiert hatte und bewunderte. Er lief daraufhin den ebenerdigen Plan ab, signalisierte seine Zustimmung und gab dann die Anweisung, in flüssiges Petroleum getauchte Baumwollbällchen entlang der Außengrenzen zu platzieren und dann zu entzünden, um sie die Position der massiv befestigten doppelten Außenmauern zu markieren. Am 30. Juli 762, nachdem die königlichen Astrologen dieses Datum zum verheißungsvollsten für den Beginn der Bauarbeiten erklärt hatten, schickte Mansur ein Gebet zu Allah, legte den zeremoniellen Grundstein und wies die versammelten Arbeiter an loszulegen.

Das Ausmaß dieses großartigen urbanen Projekts ist einer der bemerkenswertesten Aspekte der Geschichte von Bagdad. Mit einem Umfang von vier Meilen (ca. 6,4 km) waren die sich an den Ufern des Tigris erhebenden massiven Ziegelsteinmauern das prägende Element von Mansurs Runder Stadt.

Laut dem im 11. Jahrhundert wirkenden Gelehrten Al Khatib al Baghdadi – dessen Geschichte von Bagdad eine ergiebige Informationsquelle über die Errichtung der Stadt ist – bestand jeder Zug aus 162.000 Ziegeln für das erste Drittel der Höhe der Mauer, 150.000 für das zweite Drittel und 140.000 für den letzten Abschnitt, zusammengehalten von Schilfbündeln. Der äußere Wall war 80 Fuß (ca. 24 m) hoch, gekrönt von Zinnen und flankiert von Bastionen. Ein tiefer Graben umringte die äußere Festungsmauer.

Bagdad: die Geschichte
Straße von Bagdad, 1918

Die Arbeiterschaft selbst war von ungeahnter Größe. Tausende Architekten und Ingenieure, Rechtsexperten, Vermesser und Zimmermänner, Schmiede, Gräber und einfache Arbeiter wurden aus dem gesamten Abbasidischen Reich rekrutiert. Zunächst vermaßen sie die Fundamente und hoben diese aus.

Dann nutzten sie die sonnengetrockneten und im Ofen gebrannten Ziegel, die aufgrund der Absenz von Steinbrüchen seit jeher das wichtigste Baumaterial in der von Flüssen durchzogenen mesopotamischen Ebene waren, um die festungsartigen Stadtmauern Stück für Stück nach oben zu ziehen. Es war das mit Abstand größte Bauprojekt der islamischen Welt: Yaqubi schätzte die Zahl der beteiligten Arbeiter auf 100.000. Das kreisrunde Design war atemberaubend innovativ. „Man sagt, dass weltweit keine weitere runde Stadt bekannt sei“, notierte Khatib anerkennend. Vier gleich weit voneinander entfernte Tore durchbohrten die Außenmauern, von denen gerade Straßen direkt ins Zentrum der Stadt führten.

Das Kufa-Tor im Südwesten und das Basra-Tor im Südosten öffneten sich beide in Richtung des Sarat-Kanals – ein zentrales Element des Netzwerks von Wasserwegen, das die Fluten des Euphrat in den Tigris umleitete und den Standort so attraktiv machte.

Das Sham- (oder Syrische) Tor im Nordwesten führte zur Hauptstraße nach Anbar und durch die Wüsteneinöde nach Syrien. Das im Nordwesten gelegene Khorasan-Tor befand sich nahe des Tigris und führte zur Bootsbrücke über selbigen.

Für einen Großteil der Stadtgeschichte war eine schwankende Anzahl dieser Brücken, bestehend aus zusammengebundenen und an jeder Sandbank befestigten Ruderbooten, eines der malerischsten Merkmale von Bagdad; es gab keine festere Konstruktion bis im 20, Jahrhundert die Briten kamen und eine eiserne Brücke über den Tigris anlegten.

Ein Wärterhaus erhob sich über jedem der vier äußeren Stadttore. Jene über den Eingängen der höheren Hauptmauern boten beeindruckende Aussichten über die Stadt und die vielen Meilen üppiger Palmenwälder und Smaragdfelder entlang den Ufern des Tigris. Die große Empfangshalle ganz oben auf dem Wärterhaus des Khorasan-Tores wurde von Mansur als nachmittäglicher Rückzugsort von der brütenden Hitze besonders geschätzt.

Die vier geraden Straßen in Richtung des Stadtzentrums von den Außenmauern waren gesäumt von überwölbten Arkaden mit Kaufmannsläden und Basaren. Kleinere Straßen gingen von diesen Hauptverkehrsadern ab und führten zu einer Reihe von Plätzen und Häusern; der begrenzte Raum zwischen Hauptmauer und innerer Mauer trugen Mansurs Wunsch Rechnung, das Herz der Stadt als königlichen Rückzugsraum zu bewahren.

Das Zentrum von Bagdad bestand aus einer immensen zentralen Anlage – vielleicht 6.500 Fuß (ca. 2 km) im Durchmesser – mit dem königlichen Bezirk als dessen Herz. Die äußeren Gebiete waren den Palästen der Kinder des Kalifen, der Unterbringung königlicher Bediensteter, den Küchen des Kalifen, Unterkünften der Pferdegarde und anderen höfischen Einrichtungen vorbehalten.

Das unmittelbare Zentrum war leer, bis auf die beiden schönsten Gebäude der Stadt: die Große Moschee und der Palast des goldenen Tores des Kalifen, ein klassischer islamischer Ausdruck der Union zwischen weltlicher und spiritueller Autorität. Niemand außer Mansur, nicht einmal ein Gicht-geplagter Onkel des Kalifen, der aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes um dieses Privileg gebeten hatte, durfte in diesem zentralen Bezirk reiten. Man könnte Mitgefühl mit diesem ältlichen Onkel des Kalifen haben. Unberührt von dessen Beschwerden über altersschwache Gliedmaßen sagte Mansur, er könne sich auf einer Sänfte in den zentralen Bezirk tragen lassen, eine allgemein den Frauen vorbehaltene Fortbewegungsart. „Ich werde mich zum Gespött der Leute machen“, sagte sein Onkel Isa. „Ist noch irgendjemand übrig, vor dem du dich schämen könntest?“, entgegnete der Kalif bissig.

Mansurs Palast war ein beeindruckendes Gebäude mit einer Grundfläche von 360.000 sq ft (ca. 33.500 m²). Sein auffälligstes Element war die 130 Fuß (ca. 40 m) hohe grüne Kuppel über der Haupt-Empfangshalle, schon aus meilenweiter Entfernung sichtbar und gekrönt von der Figur eines Reiters mit einer Lanze in der Hand.

Khatib behauptete, die Figur habe sich bewegt wie eine Wetterfahne, wodurch die Lanze immer in jene Richtung gerichtet wurde, aus der die Feinde des Kalifen als nächstes erscheinen würden. Die Große Moschee von Mansur war die erste von Bagdad. Eine gewaltige Grundfläche von 90.000 sq ft (ca. 8362 m²) umspannend, drückte sie Allah den gebührenden Respekt aus und demonstrierte zugleich in beeindruckender Manier, dass die Abbasiden dessen mächtigste und erlauchteste Diener auf Erden waren.

Im Jahr 766 war Mansurs Runde Stadt fertig. Das allgemeine Urteil war, dass es sich um einen Triumph handelte. Der im 9. Jahrhundert wirkende Essayist, Universalgelehrte und Polemiker al-Jahiz kannte in seinem Lob keine Grenzen.

„Ich habe die großen Städte gesehen, darunter auch jene, die bekannt für ihre widerstandsfähige Konstruktion sind. Ich habe solche Städte in den Bezirken Syriens gesehen, auf byzantinischem Gebiet und in anderen Provinzen, doch noch nie habe ich eine Stadt größeren Ausmaßes, makelloserer Rundung, so geschmückt von glanzvollen Errungenschaften, in Besitz von derart großen Stadttoren oder mit perfekteren Verteidigungsanlagen gesehen als Al Zawra, also die Stadt von Abu Jafar al-Mansur.“

Besonders bewunderte er die Rundheit der Stadt: „Sie ist wie aus einer Form gegossen.“

Die letzten Spuren der Runden Stadt Mansurs wurden in den frühen 1870er Jahren zerstört, als Midhat Pasha, der reformerische osmanische Gouverneur, in einem Ansturm von Modernisierungseifer die ehrwürdigen Mauern der Stadt einriss. Die Einwohner Bagdads haben sich seitdem daran gewöhnt, aus dem Zentrum ihrer robusten Hauptstadt ausgesperrt zu sein.

Genau wie sie unter Mansur aus dem inneren Heiligtum der Stadt verbannt gewesen waren, wurden ihre Leidensgenossen des 20. Jahrhunderts 12 Jahrhunderte unter Todesangst von Saddam Hussein aus dem Herzen Bagdads ausgeschlossen.

Der schwerbewachte Bezirk Karadat Maryam, leicht südlich der ursprünglichen Runden Stadt am Westufer, wurde zur Kommandozentrale des Regimes, der Motorraum einer gigantischen Maschine, perfekt aufs Einlullen, Kontrollieren und Töten ausgerichtet, unter Ausnutzung der unzähligen Sicherheitsorganisationen, die zu einer Selbstzerfleischung des Landes führten.

Unter der US-amerikanischen Okkupation 2003 wurde es zur sogar noch stärker befestigten Green Zone, einer surrealen Dystopie von sechs Quadratmeilen (ca. 15 km²), wo Iraker in ihrer eigenen Hauptstadt weitestgehend nicht willkommen waren. Heute, nach einer 12-jährigen Übergangsphase, ist die Green Zone wieder offen für die Bewohner Bagdads. Doch wie so oft in ihrer außerordentlich blutigen Geschichte haben die Iraker nur wenig Grund zur Freude, während sich das Land selbst zerreißt. Die große Stadt Bagdad überlebt, aber ihre Bürger sind wieder einmal gefangen in schrecklicher Gewalt.

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