Wie Warschau nach Bildern aus dem 18. Jahrhundert aufgebaut wurde
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Als die Warschauer Altstadt von Hitlers Truppen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, raffte sich die Nation wieder auf um die Stadt aus den Trümmern ihrer Zerstörung und mithilfe der Arbeiten des italienischen Malers Bernardo Bellotto wiederaufzubauen.

Es ist August 1944 und der Polnische Widerstand liefert sich erbitterte Gefechte mit den Nazitruppen die Warschau besetzt halten. Der Widerstand will die Stadt von dem befreien was der polnische Dichter Czesław Miłosz die “dunkle, schwarz und rote Welt der Nazi-Besetzung” nannte.

Während des Warschauer Aufstandes schaffte es der polnische Widerstand seinen Besatzern empfindliche Schäden zuzufügen – so blieben 20000 Soldaten der Nazis verletzt oder tot zurück. Aber die Zivilbevölkerung erlitt die stärksten Verluste. 150000 Menschen wurden durch Luftschläge und im Häuserkampf im ganzen Stadtgebiet getötet.

Im Vergeltungsschlag schleiften die Nazis die polnische Hauptstadt bis auf die Grundmauern. Über 85 % des historischen Stadtkerns verwandelten sich in Ruinen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Städten in denen derartige Schäden während des Kampfes auftraten wurde Warschau nach dem Ende des zweimonatigen Konfliktes als Vergeltungsakt der Truppen Hitlers systematisch zerstört.

Was folgte ist die Geschichte darüber wie die Warschauer ihre Stadt wieder aufbauten – zum Teil mit Stadtansichten oder Veduten des venezianischen Malers Bernardo Bellotto (1722-1780). Dieser wird nach seinem bekannteren Onkel auch oft Canaletto genannt.

Der 1768 zum königlich-polnischen Hofmaler ernannte Bellotto schuf wunderschöne und akkurate Gemälde von Warschauer Gebäuden und Plätzen. Es ist ein Beweis der Exaktheit seiner Arbeit dass diese Gemälde fast 200 Jahre später dazu verwendet wurden, das historische Stadtzentrum aus Schutt und Asche in etwas zu überführen was heute zum UNESCO Welkulturerbe gehört.

Im Sommer 1947 leitete der Architekt Hermann H. Field eine kleine Gruppe US-amerikanischer Designer im Studium des europäischen Wiederaufbaus nach dem Krieg. Sie besuchten England, die Tschechoslowakei und Polen. Dort beobachteten sie Warschau, Kraków, Katowice, Wrocław und Szczecin. Ihre Fotografien fingen ein was zum Topos kriegszerstörter urbane Räume wurde: das entblößte Innere der Gebäude.

Archivmaterialien der britischen Filmfirma Pathé zeigen 1950 Gebäude die scheinbar willkürlich zusammenfallen. Von einem Großteil der Stadt bleiben nur Keller, niedrige Mauern und hin und wieder das Erdgeschoss eines Hauses übrig. Die überwucherten Straßen erinnern an die Ruinen von Pompeji.

Die nicht vor dem Krieg geflohenen Warschauer lebten inmitten der Zerstörung und fanden unter dem Schutt oft noch verschüttete Leichen. In einem Frühstadium wurde erwogen die Reste der Stadt als Mahnmal gegen den Krieg so zu belassen und die gesamte Hauptstadt umzusiedeln.

Staubwolken erstickten die Einwohner Warschaus. Der polnische Schriftsteller Leopold Tyrmand schrieb:

“Einer der Wissenschaftler errechnete das ein Warschauer damals pro Jahr vier Ziegelsteine eingeatmet hat. Man muss seine Stadt schon lieben wenn man sie auf Kosten des eigenen Atems wieder aufbaut. Vielleicht deshalb wurde Warschau aus dem Schlachtfeld von Schutt und Asche einmal mehr wieder zum alten Warschau, dem ewigen Warschau… die Warschauer belebten es wieder indem sie dessen Körper aus Ziegelsteinen mit ihrem eigenen heißen Atem erfüllten.”

Mit dem Beginn des Wiederaufbaus wurden die stadteigenen Trümmer für den Rekonstruktionsprozess verwendet und originale Fragmente alter Stadtgebäude geborgen.

“Schutt aus dem früheren Ghetto wurde benutzt um neue Ziegelsteine für das moderne Viertel herzustellen während architektonische Details zerstörter Gebäude der Altstadt in die rekonstruierten Fassaden integriert wurden”, erklärt Małgorzata Popiołek als Expertin für Restauration an der Technischen Universität Berlin.

Obwohl viele dieser Arbeiten von Bauarbeitern und spezialisierten Konstrukteuren durchgeführt wurden, wurden laut Małgorzata auch die lokalen Anwohner für die Räumung der Unmengen von Schutt herangezogen. “Die gesamte Nation baut ihre Hauptstadt” wurde zur Parole der Stadt.

Als die Trümmer vor Ort nicht mehr ausreichten wurde weiteres Material von benachbarten zerstörten Städten herangeschafft. Und um sicherzugehen dass alles wieder grob an seinen richtigen Ort kam wurden die Stadtansichten von Bellotto an Schlüsselstellen als Referenz verwendet.

Im Verlauf der Geschichte waren die 22 Straßenszenen des Künstlers hart umkämpft und wurden oft aus dem königlichen Schloss in Warschau entfernt. Vertreter Napoleons nahmen 1807 vier Leinwände, der russische Zar Nicholas I raubte 1832 die gesamte Serie – wie auch die deutschen Behörden im Jahr 1939.

Zu dieser Zeit waren die Gemälde Bellottos besonders wertvoll weil viele von ihnen, die die polnische Geschichte dokumentierten, von den Nazis auf eine schwarze Liste gesetzt wurden. (Diese schwarze Liste bestand aus Kunstwerken die ihrer Meinung nach zerstört werden mussten um die Germanisierung Polens voranzutreiben.)

Als Warschau im September 1939 bombardiert wurde schrieb das Burlington Magazine for Connoisseurs über seine Sorge um die Sicherheit der Gemälde Bellottos – tatsächlich überlebten alle 22 Straßenszenen den Krieg. Seit 1984 werden sie im Canaletto-Raum des königlichen Schlosses ausgestellt.

Zusammen mit der Expertise polnischer Architekten, Kunsthistoriker und Konservatoren ermöglichten die Bilder Bellottos den Wiederaufbau der Altstadt in einer beeindruckend kurzen Zeitspanne. Die meisten Arbeiten wurden vor 1955 abgeschlossen – obwohl sich zusätzliche Bauarbeiten bis in die 1980er fortsetzten und die Stadt sogar heute noch die Einschläge des zweiten Weltkrieges spürt.

Die gegenwärtige Stadt ist jedoch keine vollkommen akkurate Neuschöpfung der Gemälde Bellottos. So nutzte Bellotto etwa eine Camera Obscura um die Bleistiftzeichnung der Architektur zu übertragen die dann auf die Leinwand gebracht und mit Wasserfarben vollendet wurden. Die Verwendung dieses optischen Hilfsmittels führte zu kleineren Abweichungen.

In Joanna Wiszniewiczs Buch "Zerschnittenes Leben: Geschichten der März-Generation" finden wir Beweise für weitere Abweichungen. Im ehemaligen Ghetto stehend schreit eine Mutter: “Das ist nicht das Warschau meiner Kindheit. Meine Schule stand dort und da habe ich mit meinen Freunden gespielt – es existiert nicht! Alles das ist jetzt so fremd!”

Das Wort "fremd" wirkt wie ein Refrain in der Geschichte Warschaus – und bis zum heutigen Tag spürt die Stadt den Einfluss der kommunistischen Nachkriegszeit. Dennoch waren die kommunistischen Pläne für die Stadt unerwartet modern hinsichtlich ihrer Auffassung von Licht und Raum, wie mir Tomasz Fudala als Kurator des Festivals Warsaw Under Construction zeigte.

Ein paar Straßen vom Warschauer MoMA entfernt in der Nähe des ehemaligen Ghettos steht nach wie vor eine Häuserzeile die vom Krieg zerschnitten wurde. Die zentralen Höfe – von denen wir in Neukölln in Berlin größere Versionen sehen können – wären düster und beengt.

Als Antwort darauf als Bolesław Bierut nach dem Krieg zum polnischen Präsidenten wurde ging sein Sechs-Jahres-Plan für Warschau – ein Text voller kommunistischer Propaganda – die Probleme von Wohnraum und Licht an. Zahlreiche Diagramme der Stadt vor und nach dem Krieg zeigen wie viel mehr Licht und Raum die Bewohner unter kommunistischer Herrschaft haben würden.

Aber zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Textes starb Stalin am 5. März 1953 weshalb viele der großzügigen Entwürfe niemals realisiert wurden. Bleistiftzeichnungen geräumiger Plätze voller schnittiger Autos fielen der Geschichte anheim.

Wenn man heute durch die Altstadt läuft sind die Warschauer gern bereit die schwierige Geschichte ihrer Stadt zu erzählen. Die Gemälde Bellottos sind auf Tafeln reproduziert um deren entscheidende Rolle im Prozess des Wiederaufbaus herauszustellen und die Johanneskirche weist stolz darauf hin, dass ihre Orgel auch einige der originalen Orgelpfeifen enthält die einst von Frédéric Chopin gespielt wurden. Wohin man auch geht findet man Zeugen der turbulenten Geschichte Warschaus – und des Wiederaufbaus.

Als Los Angeles in den 1960ern seine geliebte Straßenbahn verlor verwandelte sich die Stadt schnell in eine Welt von PKW und Bussen. Aber war dies aufgrund der Beteiligung von Automobil- und Öl-Firmen ein konspirativer Akt?

Die Geschichte Warschaus ist besonders für die heutige Gegenwart relevant in der Bilder und 3D-Technologien dazu beitragen, antike architektonische Wunder zu bewahren von Städten wie Palmyra in Syrien die im letzten Monat von Pro-Regierungstruppen vom IS zurückerobert wurde.

“Berge von Fotos kommen herein”, sagt Jon Phillips als Mitbegründer des #NewPalmyra Projektes, welches Menschen dazu einlädt ihre Fotografien zur Verfügung zu stellen. So kann das Team große Mengen von Daten über die Stadt sammeln und das präzise Ausmaß der jüngsten Zerstörungen durch den IS vor Ort ermessen.

Dieses reichhaltige Archiv von Bildern könnte eines Tages ähnlich wie die Stadtansichten Bellottos eingesetzt werden. Besonders der aufrüttelnde Ruf nach Beteiligung am Projekt bringt die vereinigende Parole Warschaus ins Gedächtnis: “Die gesamte Nation baut ihre Hauptstadt.”

Für den Wiederaufbau Warschaus war es jedoch die Arbeit eines einzelnen Künstlers die die entscheidenden Blaupausen bereitstellte. Ohne die akkuraten Dokumentationen der Stadt durch Bellottos sähe Warschau heute mit großer Sicherheit anders aus.

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