Europäisches Engagement der US-Banken
Toby Melville/File Photo/reuters
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Vor der drohenden Brexit-Abstimmung prüfen US-Banken ihr europäisches Engagement

Wenn Großbritannien im Juni für den Ausstieg aus der EU stimmt, könnten einige US-Banken ganze Geschäftsbereiche innerhalb der EU aufgeben.

Diese Option ist ein extremes von einigen Wallstreet-Firmen in Betracht gezogenes Szenario, falls die Bedingungen eines derzeitig spekulativen Austritts den Finanzdienstleistern ihre gegenwärtigen Geschäftsgrundlagen für das Agieren innerhalb der EU entziehen. Das ergab sich aus Diskussionen von Reuters mit einigen US-Banken und deren Rechtsvertretern.

Die von Taskforces von US-Banken untersuchten Szenarien unterstreichen das Ausmaß in denen die Aktivitäten nicht-europäischer Banken in London mit dem Geschäft auf dem europäischen Kontinent verbunden sind.

Im besonderen Fokus stehen die Marktoperationen der Banken, da der Handel der meisten europäischen Wertpapiere auf EU-Niveau reguliert, aber von vielen Investmentbanken von London aus geführt wird.

Die fünf größten US-Banken beschäftigen 40.000 Angestellte in London – mehr als im gesamten übrigen Europa – und nutzen dabei den Vorteil des „Passporting-Systems“ der EU, das ihnen erlaubt Dienstleistungen im gesamten Bündnisraum von ihren britischen Vertretungen aus anzubieten.

Die Neuordnung der Geschäftspraxis, um neue kontinental-europäische Brückenköpfe zu etablieren – was laut US-Banken den schlimmsten in Betracht zu ziehenden Fall darstellt – wäre so kostspielig, dass sie einige dazu bringen würde ihr Engagement im Bündnisraum der EU vollkommen neu zu überdenken.

„Die Kosten könnten dazu führen, dass einige Bankengruppen die Bedeutung Europas im Kontext ihres globalen Geschäftes neu bewerten und sich überlegen, welche Art von Präsenz sie nach dem Brexit aufrechterhalten wollen“, sagte Edward Chan als Partner der Kanzlei Linklaters, welche Banken in Fragen des Umgangs mit verschiedenen möglichen Szenarien berät.

Vorzüge der Integration

Die europäische Integration hat US-Investmentbanken gute Dienste geleistet. Der Schritt zur Einheitswährung machte es einfacher die heimischen Banken des Bündnisses anzugehen, indem von Skaleneffekten der Volkswirtschaften durch den Handel von Euros profitiert wurde, anstatt beispielsweise mit der Societe Generale im vom Franken bestimmtem Geschäft zu konkurrieren oder mit der Deutschen Bank in Deutscher Mark.

Die fünf großen US-Banken haben alle Marktanteile hinzugewonnen während europäische Investmentbanken restrukturieren müssen. Im ersten Quartal übernahmen laut Informationen von Thomas Reuters JPMorgan, Goldman Sachs und Morgan Stanley die Top-3 Positionen der Investment-Raten in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika (EMEA).

Aber die Basis ihres Geschäftes liegt außerhalb der Eurozone – in der Stadt London. Die Investment-Banker der M&A-Beratungsteams für Staaten wie Italien und Frankreich leben alle eher in London, als in Rom oder Paris.

Von der knapp 6.500 Personen umfassenden Belegschaft, die die internationalen Broker-Geschäfts-Services im gesamten EMEA-Raum managen – eine Region die 35% der Einnahmen der Gruppe erwirtschaftet – operieren weniger als 1.000 von außerhalb Großbritanniens aus.

Diese Vorposten im Vereinigten Königreich haben seit der globalen Finanzkrise 2008 an Relevanz gewonnen, als Banken ihre internationalen Strukturen zugunsten weniger Hauptstützpunkte zu entflechten versuchten.

Die führenden US-Banken nutzen ihre Londoner Vertretungen ebenfalls für das Vermeiden der Belastungen durch die US-Trading-Gesetze, welche mit den Dodd-Frank-Regulierungen in Kraft traten, indem sie Swap-Handelsvereinbarungen mit ihren nicht-US Gegenstücken in Großbritannien anstatt in den USA verrechnen.

Jetzt hat die Aussicht auf einen Ausstieg aus der Europäischen Union diese Banken zum Handeln animiert, wenn auch derzeit nur auf dem Papier.

Vier Wall-Street-Banken haben Reuters gegenüber erläutert, wie sie angesichts des offenen Abstimmungsausgangs und dessen Konsequenzen ihre Szenarien-Pläne als Teil ihrer eigenen Risikoplanung und auf Anweisung der Regulierungsbehörden konzipierten.

Eine Bank gab an, eine zentrale Taskforce zu unterhalten – zusammengesetzt aus 20 aus allen Geschäftsbereichen und -funktionen, wie Human Resources und Informationstechnologie, abgezogenen Vertretern.

Das Alarm-Niveau hat noch nicht das der griechischen Schuldenkrise erreicht, als ein ähnliches Gremium alle zwei oder drei Tage zusammenkam – aber die Gruppe tagt wöchentlich.

Marktzugang

Wenn Großbritannien Mitglied des europäischen Wirtschaftsraums (EEA) bleibt – welcher Norwegen, Island und Liechtenstein Zugang zum EU-Binnenmarkt gewährt – würden seine Finanzfirmen die „Passporting-Vergünstigungen“ behalten können. Aber Großbritannien hätte keine Mitsprache in der Formulierung von EU-Gesetzen.

Aber falls Großbritannien aus der EEA austritt, sehen sich Unternehmen mit Sitz im Vereinigten Königreich, die in der EU operieren wollen, einem ‚Äquivalenz-Test‘ gegenüber. Dieser soll Brüssel gegenüber nachweisen, dass deren heimische Regelungen vergleichbar streng wie die innerhalb der EU sind.

Außerdem benötigen sie möglicherweise eine lokal kapitalisierte Tochtergesellschaft mit Sitz in der EU – was teurere wäre als der Unterhalt einer Filiale.

Der in der Brexit-Kampagne führende Boris Johnson sagte, dass Großbritannien ein auf bilateralen Verträgen der Schweiz mit Brüssel basierendes „Britzerland“ schaffen könne.

Aber die Schweizer Finanzinstitutionen genießen nicht die Passport-Rechte innerhalb der EU und Schweizer Investmentbanken führen wie die US-Banken auch einen Großteil ihrer EU-Operationen von London aus.

Die Bank mit der zwanzigköpfigen Taskforce hat derzeit noch keine Vertretung auf Kontinentaleuropa eingerichtet, um daraus Kapitalmarktgeschäfte zu generieren.

Ein Verantwortlicher sagte, die Bank müsse überlegen, ob die Anstrengungen der Etablierung eines parallelen Broker-Dealer-Geschäfts innerhalb der Eurozone mit milliardenschwerem Kapitalbedarf sich lohnen würden.

Andere US-Banken sind der Meinung dass die Region zu wichtig ist um ihr den Rücken zu kehren. Gleichzeitig würde eine komplizierte post-Brexit Übereinkunft eine umfangreiche Reorganisierung notwendig machen.

JP Morgan Securities Plc als Londoner Vertretung mit den meisten Kapitalmarktgeschäften der Bank innerhalb der EMEA-Region sagte dass laut ihrer Analysen ihre Niederlassungen in Großbritannien unter bestimmten Szenarien „möglicherweise nicht in der Lage seien werden neue Geschäfte mit Klienten innerhalb der EU direkt zu tätigen.“ Um diese Geschäfte zu behalten müsste sie ihre Rechststruktur und ihr Buchungsmodell ändern.

JP Morgan International Banking Plc – welche sich um die privaten Bankklienten der Gruppe innerhalb der EMEA-Region kümmert – ließ verlautbaren, dass sie genötigt sein könnte ihre „existierenden und zukünftigen Geschäfte mit kontinentaleuropäischen Klienten in eine Tochtergesellschaft in der EEA zu transferieren.“

Gigantisches Vorhaben

Chan als Mitarbeiter von Linklaters sagte, dass eine Reorganisierung wie die von JP Morgan durchgespielte Millionen kosten könnte.

„Neu regulierte Körperschaften müssen lizenziert, kapitalisiert und gedeckt werden. Leute werden umziehen müssen und Immobilien müssen gefunden werden. IT- und andere Systeme müssen angeschafft werden und nicht jeder Standort wird über die richtige Infrastruktur verfügen.“

Einige Banken hoffen, dass sie lediglich einige Mitarbeiter zu kleineren bereits existierenden Vertretungen in der Eurozone delegieren und neue Lizenzen erwerben können.

JP Morgan verfügt zum Beispiel über eine kleinere Niederlassung in Frankfurt und eine in Luxemburg die sich mit Immobilien- und Vermögensverwaltung befasst.

Citigroup meinte, dass sie bestimmte Geschäftsbereiche zurück in die EU versetzen könnte aber diese lieber nicht „blitzschnell“ aus Großbritannien komplementieren wolle.

Die Gruppe verfügt über eine große Banken-Niederlassung in Dublin. Diese könnte jedoch nicht ihre Trading- oder Broker-Geschäfte in der Region übernehmen da diese nach US-Recht nicht in Körperschaften untergebracht werden dürfen die gleichzeitig Einlagengeschäfte vornehmen.

In jedem Fall gibt es Bedenken in Bezug darauf dass die EU-Regulatoren es ablehnen werden dass Banken den Großteil ihrer Beschäftigten in London behalten werden. Offizielle der Europäischen Zentralbank haben bereits darauf hingewiesen dass sie das Trading in der Euro-Währung – welches größtenteils in London stattfindet – im Falle eines Brexits am liebsten in die Eurozone verlagert sähen.

Trotz der wachsenden Nervosität haben US-Banken laut eigenen Angaben noch keine festen Investitionen in alternative Niederlassungen oder Anlagen innerhalb der Eurozone getätigt. Sie ziehen es vor den Ausgang des Votums abzuwarten.

Laut Immobilienmaklern in Frankfurt und Paris hat es von Seiten der Banken keinen Anstieg in der Nachfrage gegeben. Die höchsten Mieten in der Londoner City stiegen im Jahresvergleich im ersten Quartal um 7,7% – im Gegensatz zum Wachstum von 1,3% in Frankfurt und der Stagnation in Paris.

„Die Banken planen sehr stark intern für die verschieden Geschäftsfelder aber sie müssen das gegenüber der Tatsache abwägen, dass Aufwand und Kosten im Falle eines Verbleibs in der EU unnötig wären – und auch wenn es das Ausstiegs-Votum gibt wissen wir nicht wie die zukünftigen Regulierungen aussehen werden“, meinte Michael Thomas als Partner der internationalen Kanzlei Hogan Lovells.

„Wir bekommen viele Fragen von Klienten gestellt, aber die Leute warten im Allgemeinen den Ausgang des Votums ab bevor sie eine Menge Budget verbrennen.“

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