Jens Spahn: homosexuell und konservativ
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Was passiert, wenn sich Angela Merkel eines Tages aus der politischen Szenerie verabschiedet.

Jens Spahn ist ein wandelnder Gegensatz, der vielleicht genau die richtige Antwort auf das derzeitig größte und oft unausgesprochene Problem von Deutschlands Christdemokraten sein könnte: Was passiert, wenn sich Angela Merkel eines Tages aus der politischen Szenerie verabschiedet.

Als junger und bekennend schwuler Mann, der sich auf einigen politischen Ebenen, wie etwa dem Finanz- und Gesundheitsbereich, Vertrauenswürdigkeit aufbauen konnte, besitzt der 35 jährige Spahn das Potenzial, die alternde Partei zu verjüngen und ihr Image zu erweitern, während er ihre konservativen Werte aufrecht erhält.

Die CDU und ihre bayrische Schwesterpartei, die CSU, sanken in Meinungsumfragen aus dem April auf ein Vierjahrestief, was neuen Herausforderern Türen eröffnete. Merkel wird von konservativer Seite aus vorgeworfen, dass sie die Partei mit ihrer Migrations-, Energie- und Sozialpolitik zu weit nach links ausgerichtet hätte.

Während nur wenige Zweifel daran bestehen, dass die 61 jährige Merkel bei den Bundestagswahlen 2017 ihre vierte Amtszeit anstrebt, rücken sich einige jüngere CDU Stars als konservartive Alternativen vorsichtig in den Vordergrund.

„Manchmal muss man sich unbeliebt machen, damit man ernst genommen wird.“

Spahn, der derzeit stellvertretender Finanzminister ist, mangelt es nicht an Ambitionen eines Tages um den Spitzenposten mitzueifern. Mit 15 Jahren trat er der Jungen Union bei und kandidierte sieben Jahre später für den Bundestag (dem Unterhaus des Parlaments). Zu dieser Zeit erzählte er einem Journalisten, dass er plant „den ganzen Weg bis an die Spitze in Berlin hinauf zu klettern“.

Er gewann einen Sitz. Als er 14 Jahre später noch einmal nach seinem groben jugendlichen Ziel gefragt wurde, antwortete er POLITICO: „Wie (Nachkriegskanzler Konrad) Adenauer eins angeblich sagte: Manchmal muss man sich sehr unbeliebt machen, um ernst genommen zu werden.“

Laut Informationen aus CDU Kreisen findet die Kanzlerin bis nah an den Punkt der Unverschämtheit heran laut und selbstbewusst. Laut Parteimitgliedern interessiert sich Wolfgang Schäuble, der 73 Jahre alte Finanzminister nur wenig für Spahns anmaßendes Auftreten und machte ihn zum Parlamentarischen Staatssekretär.

Er schätze, wie gut vorbereitet Spahn zu Meetings erscheint und dass er Angriffen gegenüber dem Haushaltsplan geradlinig begegnet. Während er über den verehrten 38 Jahre älteren Minister spricht, gibt sich Spahn unsentimental:

„Mit Leitbildern kann ich wenig anfangen. Schäuble ist jemand, von dem jeder Mensch sehr viel lernen kann. Er wurde zum Minister als ich selbst erst 4 Jahre alt war. Seit Jahrzehnten übt er Einfluss auf die deutsche Politik aus.“

Neben den Schmeicheleien, die er von deutschen Konservativen erhielt, verpasste es Schäuble, das Kanzleramt zu übernehmen, als Helmut Kohl sich 1998 dazu entschied sich für eine fünfte Kanzlerschaft zur Wahl zu stellen, die er verlor. Spahn hat andere Pläne.

Hand in Hand

Nach den Bundestagswahlen 2013 gab es einen Moment, in dem Spahn zu voreilig war. Davon ausgehend, dass er nach Merkels geglückter Wiederwahl zum Gesundheitsminister ernannt werden würde, musste Spahn als konservativer Sprecher der Gesundheitspolitik verweilen. Eine Position, in der er sich bereits seit vier Jahren befand

Bei der CDU Hauptversammlung im Dezember 2014 hatte er genug Rückhalt, um sich zur Wahl für einen Sitz im Präsidium, dem entscheidungstreffenden inneren Kreis der CDU, zu stellen.

Mit dem Herunterleiern konservativer Klischees über „die Partei hart arbeitender Menschen“ begann seine Rede, wie die vieler anderer Kandidaten, und er erhielt einen zurückhaltenden Applaus.

Dann hielt er den Atem an. Es müsse keine Beeinträchtigung der zentralen Werte Deutschlands geben, sagte er. Der Tagungsort in Köln erwartete wohl eine weitere Verteidigung christlicher Kultur im Angesicht dessen, was viele Konservative als Eingriff in westliche Werte durch muslimische Immigranten ansehen.

„Der Grund, warum dieses Thema so wichtig für mich ist“, sprach Spahn schließlich lauter. „Ich möchte nie wieder erleben angegriffen oder beleidigt zu werden, wenn ich mit meinem Freund Hand in Hand durch Berlin gehe.“ Die Rede bekam lauten Applaus und sicherte Spahn einen der sieben Sitze im Präsidium, durch welchen er denjenigen ablöste, der ihm zur Position im Gesundheitsministerium gebracht hatte.

Spahn spricht zu Konservativen wie zu Demokraten, in dem er darauf besteht, dass Migranten werde wie Toleranz verdienen. Als Partei, die den Großteil ihrer Wählerschaft aus ländlichen katholischen Kreisen bezieht, von denen zu jeder Wahlperiode etwa eine Millionen Menschen sterben, ist die CDU dazu gezwungen ihre Attraktivität für junge metropolitische Wähler, die Merkels progressive Ideen wie die Abschaffung der Wehrpflicht, den allmählichen Abbau der Kernkraft und die Verteidigung einer Willkommenskultur für syrische Flüchtlinge schätzen, zu steigern.

Zur selben Zeit versucht die Partei den Verlust von Wählern des äußerst konservativen Flügels zur schnell anwachsenden, eine Anti-Flüchtlingspolitik pflegenden Alternative für Deutschland (AfD) zu kompensieren.

„Falls konservativ zu sein bedeutet gewisse Prinzipien und Werte, die eine Gesellschaft charakterisieren, zu bewahren – wenn auch in einer neuen Form, wenn sich die Umstände geändert haben – dann bin ich sicherlich konservativ“, sagte Spahn.

Sei besorgt

Spahns Homosexualität führt dazu, dass sich einige ältere CDU Politiker winden, wenn sie nach Euphemismen suchen um seine familiäre Situation zu beschreiben oder ihn als „angenehmen Homosexuellen“ bezeichnen, wie es ein Delegierter der letzten Vollversammlung der Partei tat.

Es ist keine Rolle, auf die Spahn reduziert werden möchte, doch er sieht keinen Gegensatz darin ein homosexueller Konservativer zu sein und erwähnt David Camerons gefeierte Bemerkung, dass er die gleichgeschlechtliche Ehe verteidigte und trotz allem ein Konservativer ist, sogar eben „weil ich ein Konservativer bin.“

Seitdem er in einem Interview im Jahr 2012 zum ersten Mal über seine Sexualität sprach, nimmt Spahn, der für gewöhnlich dezente schwarze Anzüge trägt, seinen Partner, einen Journalisten, mit zu offiziellen Events und tweetet Selfies von Meetings mit wichtigen Trägern des konservativen Establishments.

Auch andere führende CDU Politiker seiner Generation geben sich als moderne Konservative. Julia Klöckner, die bekannte stellvertretende Vorsitzende der Partei, kritisierte Feministinnen für das, was sie als missgedeutete Toleranz der Frauenfeindlichkeit unter Muslimen bezeichnet. Paul Ziemiak, der führende Kopf der Jugendorganisation der CDU ist einer der lautesten Kritiker von Merkels offener Flüchtlingspolitik, während er als Sohn zweier Polen seinen eigenen Migrationshintergrund betont.

„Unterschätzt niemals wie konservativ er ist“

„Vor zwanzig oder dreißig Jahren hätten sich Politiker wie Jens Spahn oder Julia Klöckner in er politischen Mitte der CDU befunden“, sagte Hendrik Träger, der Politikwissenschaften an den Universitäten Leipzig und Magdeburg unterrichtet. Mittlerweile sind sie der konservative Kern einer Partei, die sich unter der Führung Merkels zunehmend weiter links ausrichtete.

„Unterschätzt niemals, wie konservativ er ist, vor allem in ethnischen Fragen und gesellschaftlichen Problemen“, sagte Daniel Bahr, ein Freund und Altersgenosse Spahns sowie früherer Gesundheitsminister der Freien Demokraten (FDP).

Spahn ist immer noch so etwas wie eine unbekannte Größe, wenn es um die Nachfolge der CDU geht in der die 57 Jahre alte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die 43 jährige Klöckner, die allerdings im März eine Wahl in ihrem Heimat-Bundesland verlor. Davor haben CDU Politiker, die als direkte Konkurrenten der Kanzlerin angesehen wurden, das Feld verwundet geräumt. Spahns relativ junges Alter bedeutet wohl, dass er nur zum Anwärter werden könnte, wenn Merkel zur Seite tritt.

Spahn spricht in versöhnlichem Ton über die Richtung in die Merkel die CDU führte und sagt, dass ihre Reformen bezüglich der Bundeswehr und Familienpolitik „komplett mit unserem konservativen Kern einhergeht“, anstatt „dass sie einige Grundwerte“ aufgegeben hätte.

Doch man darf keinen Fehler begehen: Er ist durchaus in der Lage die Kanzlerin direkt zu kritisieren, ohne es sich mit ihr zu verderben.

Als Europas Flüchtlingskrise letzten Herbst zu einer überwältigenden Krise wurde und hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland strömten, war Spahn innerhalb der CDU einer der lautesten Befürworter für eine stärkere Haltung, als die der Kanzlerin

Letzten November veröffentlichte er ein Buch, das Essays von 22 konservativen Autoren zur Flüchtlingspolitik Merkels beinhaltet und eine große Diskussion sowie einen Hagel an Kritik für Merkels Flüchtlingspolitik erzeugte.

Die Reaktion der konservativen Zeitung Die Welt war die Schlagzeile: „Angela Merkel muss um dieses Buch besorgt sein.“

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