Der deutsche Arzt, der ISIS Sexsklaven rettet
Umit Bektas/Reuters
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Jan Ilhan Kizilhan behandelt jesidische Frauen, die in Syrien und Irak als Geiseln genommen und misshandelt wurden.

Leyla war derart verängstigt nachdem sie sich aus den Fängen den Islamischen Staates befreit hatte, dass sie sich selbst in Brand setzte.

Obwohl sie sich in die relative Sicherheit eines Flüchtlingslagers in Dohuk im äußersten Norden des Irak gerettet hatte, glaubte die 16-jährige, dass der Extremist, der sie über Monate misshandelt hatte, ihr gefolgt war. Es wurde einfach alles zu viel, also überschüttete sie sich mit Benzin und entzündete ein Streichholz – in der Hoffnung, dass ihre Verletzungen derart schwerwiegend sein würden, dass ihr Peiniger sie nicht mehr anfassen wollen würde.

Sie waren äußerst schwerwiegend. Zwei Tage später wurde Leyla zur Behandlung ihrer Verbrennungen nach Deutschland ausgeflogen und unter die Obhut des Psychologen Jan Ilhan Kizilhan gestellt.

Er berät jesidische Frauen – eine überwiegend ethnisch kurdische Gruppe, von denen viele von ISIS angegriffen und versklavt wurden – und hilft ihnen im Rahmen eines vom Bundesland Baden-Württemberg finanzierten Programms beim Wiederaufbau ihrer Existenzen.

Innerhalb von sechs Monaten wurde Leyla in einem Stuttgarter Krankenhaus 14 Mal operiert, wo Kizilhan sie oftmals zu Gesprächen besucht. „Sie war einmal ein hübsches Mädchen“, sagte Kizilhan gegenüber POLITICO. Jetzt sei ihr Gesicht derart entstellt, dass es schwer sei sie anzusehen, fügte er hinzu.

„Ich frage sie: Was wünschst du dir? Und sie antwortet: Mein einziger Wunsch ist eines Tages durch die Straßen zu laufen, in einem Café zu sitzen und einen Kaffee zu trinken, ohne dass Kinder bei meinem Anblick in Tränen ausbrechen.'“

Die Geschichte Leylas ist eine von über 1.400 Horrorgeschichten jesidischer Frauen die Kizilhan, ein 49-jähriger Psychologe und Experte für Minderheiten im Mittleren Osten, seit 2015 gehört hat, als er anfing Überlebende von ISIS-Verbrechen nach Deutschland zu holen.

Das Programm wurde vom Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, im November 2014 ins Leben gerufen, nur Monate nachdem ISIS-Milizen die irakische Stadt Mossul und die syrische Stadt Raqqa eingenommen hatten, wobei sie Zehntausende Mitglieder religiöser und ethnischer Minderheiten abschlachteten und vertrieben – Christen, Jesiden, Schiiten und Turkmenen – die jahrhundertelang Seite an Seite gelebt hatten.

Laut einem auf Zahlen der kurdischen Regionalregierung beruhenden Bericht von Human Rights Watch werden aktuell rund 1.800 Frauen und Mädchen von ISIS als Sklaven gehalten (auch wenn die Beobachtungsgruppe die Zahlen nicht unabhängig verifizieren konnte).

Die Vereinten Nationen beriefen sich auf offiziellen Daten der Jesiden basierende Zahlen, dass sogar 3.500 Mitglieder der religiösen Gruppe sich Stand Oktober 2015 in der Gewalt von ISIS befanden.

Entscheiden, wer gehen darf

Es war nicht schwer Kretschmann zum Helfen zu bewegen. Kurdische und jesidische Gruppen zeigten ihm Fotografien auf denen die Grausamkeit und Brutalität von ISIS zu sehen war und erzählten ihm Geschichten von den sich in ihrem Heimatland abspielenden Tragödien.

„Die Bilder enthaupteter Christen, Jesiden und anderer Gruppen schockierten ihn zutiefst und seine Reaktion war: 'Wir müssen etwas unternehmen.'“, berichtete Kizilhan.

Die Landesregierung legte ein Programm ihm Rahmen von 95 Millionen Euro auf, um jesidische Frauen und Mädchen nach Deutschland zu holen.

Die letzte Gruppe kam im Januar an und steigerte damit die Zahl der von dem Programm profitierenden Jesiden auf 1.100 – alle ausgewählt von Kizilhan, einem türkischen Kurden der im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie nach Deutschland kam. Dieser teilt nun seine Zeit zwischen der Lehrtätigkeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und der Arbeit an einer nahegelegenen Klinik auf.

Kizilhan hat auf der Suche nach den hilfsbedürftigsten Überlebenden viele Reisen zu Flüchtlingslagern im Nordirak unternommen und sah sich dabei oft der schweren Entscheidung gegenüber, wer nach Deutschland kommen darf und wer zurückbleiben muss.

Die Auserwählten leben jetzt in verschiedenen Städten Baden-Württembergs und Einige in zwei anderen Bundesländern – Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Knapp 20 befinden sich Villingen-Schwenningen am Rande des Schwarzwalds. Unterstützt werden sie dabei von Übersetzern, Sozialarbeitern und kurdischsprachigen Ärzten und Therapeuten, um sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden.

„Sie brauchen irgendeine Form der Orientierung“, sagte Kizilhan. „Sie müssen wissen wo sie sich befinden.“

Nur dann könne laut Kizilhan eine Therapie beginnen.

Einige der Frauen in seiner Behandlung mussten mit ansehen, wie ihre Ehemänner, Brüder und Väter vor ihren Augen verschleppt oder zu Tode geprügelt wurden. Einige wurden ihren Müttern entrissen und in Mossul und Raqqa als Sexsklaven an ISIS-Milizionäre verkauft.

„Warum machen Menschen so etwas?“

Die jüngste Patientin von Kizilhan ist ein achtjähriges Mädchen. Sie wurde mindestens sieben Mal auf ISIS-Sklavenmärkten verkauft und wiederholt von ihren Entführern vergewaltigt, so der Arzt.

„Sie fragt mich immer wieder: 'Warum machen Menschen so etwas?' Um ehrlich zu sein, ich habe darauf keine Antwort. Als Wissenschaftler kann ich das in akademischer Weise erklären, doch wie erklärt man einem achtjährigem Mädchen, warum ein menschliches Wesen sich derart grausam verhält“, sagte er.

Als Psychologe, spezialisiert auf die Behandlung von Opfern sexueller Gewalt in Kriegsgebieten, darunter Konflikte in Ruanda und Jugoslawien, hat er gelernt eine emotionale Distanz zu wahren. Doch als zweifacher Vater gibt er zu, dass ihn die Emotionen manchmal überwältigen.

„Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen wie es sich anfühlt, vergewaltigt zu werden“, sagte er. „Ich kann mir nicht vorstellen wie es sich anfühlt, acht Jahre alt zu sein und sich hilflos zu fühlen. Alleine in einem dunklem Raum zu sein und jeden Abend kommt der Typ und vergewaltigt dich. Das geht über meine Vorstellungskraft hinaus“, gab Kizilhan zu. „Ich höre eine Geschichte und denke, dass es nicht mehr schlimmer werden kann, und 20 Minuten später kommt die nächste Frau und erzählt ihre Geschichte.“

Und diese Geschichte ist oft noch schlimmer, wie im Fall einer 26-jährigen dreifachen Mutter – zwei Mädchen im Alter von zwei und fünf und ein sechsjähriger Sohn – die nach der Ermordung ihres Ehemannes von ISIS gekidnapped wurde.

Sie wurden nach Raqqa verschleppt, von wo sie mehrere Male weiterverkauft wurden. Ihr letzter Geiselnehmer vergewaltigte und schlug sie wiederholt. Sie erzählte Kizilhan, dass der Mann wütend geworden sei weil er wollte, dass sie den Koran auf Arabisch las, sie aber nur Kurdisch spricht.

Eines Tages ließ der Terrorist seine Frustration an ihrer zweijährigen Tochter aus. Er sperrte das Mädchen in eine kleine Kiste die er sieben Tage der brütenden Sommerhitze überließ. Als er es herausholte, war das kleine Mädchen kaum noch am Leben. Dann tauchte er es in eiskaltes Wasser. Es starb zwei Tage später – vor den Augen seiner Mutter.

„Sie werden es niemals vergessen.“

Im letzten Bericht über die Jesiden hielt Human Rights Watch fest, dass viele der Misshandlungen, darunter Folter, Sexsklaverei und willkürliche Verhaftungen als Kriegsverbrechen – falls begangen im Kontext eines bewaffneten Konflikts – oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit – wenn sie Teil systematischer Angriffe auf die Zivilbevölkerung waren – gewertet werden müssten.

Für Kizilhan ist das Hauptziel das Retten von Leben. Er konzentriert sich bereits auf die nächste Aufgabe, die Ausbildung jesidischer und kurdischer Psychologen in der Behandlung von Vergewaltigungsopfern. Er erwartet auch von anderen EU-Staaten eine Ausweitung der Anstrengungen zur Unterstützung dieser Frauen.

„Sie werden niemals vergessen, wie es sich anfühlt vergewaltigt zu werden, und wie es ist diesen Schmerz zu fühlen und sich zu schämen“, sagte er.

„Sie möchten sich erholen“, sagte der Arzt. „Wenn ich mit ihnen rede sagen sie: Nach der Therapie möchte ich einen guten Mann finden und eine Familie gründen“, so Kizilhan. „Wir werden sie im Rahmen der Psychotherapie dabei unterstützen zu lernen, dass dies zwar Teil ihres Lebens ist, aber nicht ihr ganzes Leben ausmacht.“

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