Rousseffs Nachfolger
AP Photo/Andre Penner
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Was ist über den Menschen bekannt, der die in die Rezession verstrickte größte Volkswirtschaft in Lateinamerika wiederaufbauen soll.

Vor wenigen Monaten sagte Brasiliens Vize-Präsident Michel Temer der Financial Times, (bevor er anschließend schnell das Gesprächsthema wechselte) zum Thema Amtsenthebung von Dilma Rousseff:

“Ich denke nicht, dass das noch lange gehen wird.”

Rousseff sieht sich am Mittwoch einer Senatswahl gegenüber, von der erwartet wird, dass sie einen weiteren Schritt in Richtung ihrer Amtsenthebung bedeuten könnte. Der 75 Jahre alte Temer steht an der Schwelle zu Präsidentschaft.

Der Wahl im Oberhaus könnten einige Hürden entgegenstehen. Der führende Kopf des Unterhauses wurde diese Woche gezwungen, seinen Widerstand gegen die Amtsenthebung Rousseffs aufzugeben. Rousseff wird beschuldigt, staatliche Mittel illegal genutzt zu haben um Lücken im Budget zu füllen. Sie und ihre Partei dagegen sagen, dass die Vorwürfe politisch motiviert seien.

Doch abgesehen von weiteren Überraschungen werden sich Verfassungsjuristen und hintergründige politische Akteure darum bemühen, Südamerikas stärkste Wirtschaft vor einer großen Rezession zu bewahren und das öffentliche Vertrauen in eine politische Klasse wieder herzustellen, die vom Korruptionsskandal von Petrobras (BVMF: PETR4), dem staatlich geführten Ölunternehmen erschüttert wurde.

Rousseffs Rücktritt ist keine Lösung

Darüber hinaus wird es den früheren Rechtsprofessor, hinter dessen politischem Pokerface ein riskantes Privatleben steht, ins volle Rampenlicht der Präsidentschaft rücken.

Bereits drei mal verheiratet, traf er seine dritte Frau, das 40 Jahre jüngere Model Marcela, als sie noch ein Teenager war. Sein etwas gotisch angehauchtes Äußeres verleitete einen Rivalen zudem dazu, ihn spaßeshalber als “Diener im Haus des Terrors” zu bezeichnen.

Als jüngster Sohn einer christlich-libanesischen Familie, die ihr Heimatdorf Btaaboura im Jahre 1925 verließen, wurde er in Tietê in São Paulo geboren. Seine Familie baute Reis und Kaffee an. Später benannte Btaaboura seine Hauptdurchfahrtsstraße, komplett mit Schreibfehlern, “Rua Michel Tamer, Vizepräsident von Brasilien” zu Ehren ihres berühmten südamerikanischen Abkömmlings.

Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete er während Brasiliens zwei Jahrzehnte andauernder Militärdiktatur als Professor, bevor er in den 1980er Jahren die politische Bühne betrat. Im Jahr 2001 übernahm er die Führung der Partei der Brasilianischen Demokratischen Bewegung (PMDB), einer bis dato losen Gruppe regionaler Politiker, die mittlerweile die größte des Kongresses ist.

Drei mal zum Sprecher des Unterhauses gewählt, führte Temer Brasiliens labyrinthartige Koalitionspolitik über Jahre hinweg. Die PMDB koallierte 2007 mit Rousseffs regierender Arbeiterpartei (PT) und er wurde zu ihrem Vizepräsidenten gewählt, als sie 2011 ins Amt trat.

Rousseffs Nachfolger
AP Photo/Silvia Izquierdo

Die ersten Jahre verliefen ruhig bevor Spannungen mit Rousseff durch einen Brief von Temer an die Öffentlichkeit gelangten, in welchem er seine Frustration betont, dass die Präsidentin ihn und seine Partei von der Entscheidungsfindung ausschließt.

In einem Dokument, dass sich wie ein Trennungsschreiben anhörte, prangert er an, dass er wie ein “dekorativer” Vizepräsident behandelt wurde, von wichtigen Meetings mit Joe Biden, dem US-Vizepräsident ausgeschlossen wurde sowie dass er ignoriert wurde, wenn er Meetings vorschlug und “absolut vertrauensunwürdig” behandelt worden ist.

Seine Differenzen mit Rousseff wurden durch einen im letzten Jahr von ihm veröffentlichten liberalen ökonomischen Plan, der Reformen einiger sehr wichtiger Bestimmungen der Linken, wie etwa Renten und Arbeitsgesetze vorsah, unterstrichen. Diese beinhalteten sogar eine Form der nullbasierten Finanzplanung, angeführt vom Bier-Milliardär Jorge Paolo Lemann, wonach staatliche Ausgaben jährlich von Grund auf gerechtfertigt werden müssten.

Letztes Jahr hielt er sich zurück als Eduardo Cunha, Sprecher des Unterhauses und Bündnispartner, das Amtsenthebungsverfahren einleitete. Als möglicher Hauptbegünstigter des Unterfangens –der Vizepräsident übernimmt die Macht, sofern der Präsident seines Amtes enthoben wird – wollte er nicht als jemand gesehen werden, der nach der Macht lechzt.

Doch er leistete sich einen Fehlschlag. Im April tauchte ein Video von ihm im Internet auf, in dem er eine Amtsantrittsrede für den Fall der Enthebung Rousseffs einübte. Dies untermauerte ihre Vorwürfe ihm gegenüber, er sei ein “Verschwörer” und “Amtsdieb”.

Sympathisch und doch businesslike, enthüllen Einblicke in sein Privatleben eine emotionale Seite des Mannes, der Brasiliens vierzigster Präsident werden könnte.

Zu den letzten Werken des Autors von einigen Büchern zum Verfassungsrecht gehörte eine Gedichtsammlung. In einer Exposition schrieb er:

“Was für ein Verlangen ist es, dass dich dazu bringt, dich zu enthüllen und deine Maske abzulegen”

In einem Interview mit dem Brasilianischen Magazin TPM erinnert sich seine Frau daran, wie er sie nach ihrem ersten gemeinsamen Date nach Hause brachte und sie direkt danach anrief und sagte: “Te amo, te amo, te amo” – Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich”.

Zu ihrem Altersunterschied sagte sie: “Für mich ist es, als wenn er 30 Jahre alt wäre” und fügte hinzu, dass sie ihn beim ersten Date “extrem charmant” fand.

Falls Temer, wie zu erwarten sollte, diese Woche neuer Präsident Brasiliens werden sollte, wird er diesen Charm dazu nutzen müssen, das von ökonomischer Rezession und durch politischen Hass geteilte Land wieder auf seine Füße zu bringen.

Derzeit findet er sich leider im Petrobras Skandal involviert und wurde bei den Untersuchungen von einigen Zeugen beschuldigt, doch es wird nicht offiziell gegen ihn ermittelt und er hat eigene Fehler zurückgewiesen.

Zudem ist nicht davon auszugehen, dass er lange im Amt sein würde, so erklärte er der FT im Dezember, dass er sich nicht für die Präsidentschaftswahlen 2018 stellen würde: “Dann gehöre ich der Vergangenheit an”, sagte er.

In einem seiner Gedichte, in dem sich zwei Menschen darüber austauschen, warum sie ein Schiff ohne Ziel betreten haben, könnte auf das Dilemma Brasiliens hindeuten, das ein ungewählter Präsident sich darauf vorbereitet, ein politisch geteiltes und in Ungnade gefallenes Land zu führen. Temer schrieb einst:

“Du, weil du nicht wusstest wohin du gehen wolltest und ich, weil ich bereits in so viele Richtungen ging und nirgends endete”.

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