Kein Reinheitsgebot mehr in Deutschland?
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Das Gesetz hat über 500 Jahre das deutsche Bier rein gehalten – jetzt könnte trotzdem Schluss sein.

Seit 500 Jahren beschützt das berühmte Deutsche Reinheitsgebot die Biertrinker des Landes vor Verunreinigungen, Chemikalien und anderen Ergänzungsstoffen, die skrupellose Händler vielleicht gerne beigemischt hätten.

Doch das Gesetz, welches am Freitag sein 500. Jubiläum feierte, war nicht in der Lage die 1350 Brauereien und stolze Branche vor einer modernen Plage zu bewahren: Gesundheitsbewusstsein.

Der Bierverbrauch in Deutschland befindet sich mit einem alarmierenden Rückgang von 30% in den letzten 25 Jahren im freien Fall, während sich jüngere Deutsche zunehmend vom berühmtesten Getränk des Landes abwenden, trotz des berühmten Gesetzes, dass alle außer vier Zutaten – Wasser, Hopfen, Malz und Gerste – zur Herstellung von Bier verbietet.

Der pro-Kopf-Bierverbrauch des Landes fiel von 140 Liter jährlich 1991 auf knapp 95 Liter im Jahr 2015. (Der jährliche Bierkonsum in den USA liegt im Vergleich dazu bei nicht einmal 76 Liter pro Kopf.) Friedel A. Drautzburg, Besitzer und Betreiber einer der bekanntesten Bars von Berlin, der Ständigen Vertretung, sagt:

„Dank neuer Trends wie Wellness, Sport und gesundem Lebensstil trinken die Deutschen mittlerweile weitaus weniger Bier. Außerdem kommt es heutzutage in Gesellschaft sehr schlecht an, beschwipst, angetrunken oder richtig betrunken zu sein. Vor 30 oder 40 Jahren war es gesellschaftlich toleriert, sich zu betrinken. Das ist jetzt anders.“

Laut Drautzburg, 78, kämen täglich zwischen 500 und 800 Gäste in seine Einrichtung im Regierungsviertel, was zwar über die Jahre ein stabiles Wachstum bedeute, allerdings seien die Bierverkäufe rückläufig, da sich die Kunden nach und nach nicht-alkoholischen Getränken zuwendeten.

Er schenkt jährlich um die 182.000 Liter aus.

„Wir müssen realistisch und nüchtern den Fakt annehmen, dass die Menschen heutzutage länger leben möchten und die Einschränkung des Alkoholkonsums als einen der Schlüssel für Langlebigkeit betrachten“, fügte Drautzburg hinzu, welcher selber angibt, dass er vor 40 Jahren aufhörte Alkohol zu trinken, weil er festgestellt habe, kein vernünftiges Verhältnis zum Trinken zu haben. Vielen seiner Freunde, sagt er, ging es ähnlich und sie sind mittlerweile nicht mehr am Leben.

Die Bierindustrie ist nach wie vor äußerst lebendig in Deutschland, einem Land das trotz des Rückganges der Verkaufszahlen noch 9,8 Milliarden Liter des Getränkes produzierte – von denen über 1,3 Milliarden Liter im Wert von circa 1,15 Milliarden Euro exportiert wurden. Italien, Frankreich, die Niederlanden, China und die Vereinigten Staaten waren die Hauptabnehmer.

Das Reinheitsgebot wurde am 23. April 1516 vom Herzog von München in der bayrischen Stadt Ingolstadt aufgrund von Bedenken erlassen, Verunreinigungen wie Ruß, giftige Wurzeln und Sägespäne könnten dem Bier hinzugefügt werden. Das Gesetz zielte überdies darauf ab, zum Brotbacken bestimmte Nutzpflanzen könnten beim Brauen verschwendet werden. Das Reinheitsgebot hat sich zum Symbol qualitativ hochwertigen deutschen Bieres entwickelt, obwohl einige Kritiker meinen, es sei in Wahrheit eine Form des Protektionismus um andere Biere vom deutschen Markt fernzuhalten.

Kanzlerin Angela Merkel nahm am Freitag in Ingolstadt an den Feierlichkeiten zum Jubiläum des Gesetzes teil, welches als älteste Verordnung über Nahrungsmittel oder Getränke gilt.

In ihrer Rede vor Führungskräften der Branche zitierte Merkel nach einem kräftigen Schluck aus einem Glas alkoholfreien Bieres zunächst Luther, indem sie sagte: „Wenn du kein Bier trinkst, hast du nichts zu trinken.“ Sie war voll des Lobes über deutsches Bier und dessen starke Exportzahlen. Sie sorgte für Gelächter und Applaus, als sie den früheren deutschen Kanzler Otto von Bismarck mit den Worten zitierte: „Beim Biertrinken haben die Leute einen inneren Drang, die Regierung zu kritisieren.“

„Ich mag den Geschmack von Bier oder Alkohol nicht wirklich“, sagte Marlene Schmidt, eine 25-jährige Berliner Studentin, die einen warmen Frühlingstag im Zentrum der Stadt genoss. „Nach meiner Meinung ist das vor allem eine Frage der Generationen. Junge Leute stehen einfach nicht so sehr auf Bier wie ihre Eltern. Deutschland ist schon so lange eine Biernation, doch für jemanden unter 35 oder 40 ist es einfach kein wirkliches Kultursymbol mehr.“

Schmidt selbst trinkt nach eigenen Angaben ungefähr einen halben Liter Bier pro Woche, wohingegen ihre Eltern im Schnitt täglich diese Menge zu sich nehmen.

„Als ich im Gymnasium war haben wir einmal Bier als Projekt im Chemieunterricht hergestellt – das war Teil unserer guten deutschen Bildung“, erzählte sie mit einem ironischen Lächeln. „Ich war damals erst 16, und als es fertig war durften wir es auch probieren. Damals hat es ziemlich gut geschmeckt. Doch es ist einfach nichts mehr, was junge Leute wirklich trinken wollen.“

Genau diese Einstellung bereitet den Braumeistern des Landes Sorgen. In einem Land mit einem Mindestalter für Alkoholgenuss von 16 Jahren, wo man Bier an Automaten kaufen konnte, haben sie sich beeilt Biermischgetränke und alkoholfreie Biere zu entwickeln und verweisen stolz auf das stabile Wachstum in diesen Nischenmärkten, während der allgemeine Bierkonsum in Deutschland jährlich zurückgeht.

Der schrumpfende Konsum hat in einigen Region auch zu einem Preiskampf geführt, in dessen Rahmen die Preise für eine 0,5 Liter-Flasche Bier auf unter 50 Cent gefallen sind – in einigen Läden ungefähr die Hälfte des Preises für Wasserflaschen.

„Ich habe früher mehrere Bier wöchentlich getrunken, aber das ist jetzt anders“, so Diane Adamsky, ein 47-jährige Frau die in Berlin Blumen ausliefert und ihren Konsum von ungefähr einem Liter Bier wöchentlich auf nahe Null eingeschränkt hat. „Mittlerweile sind so viele Mischgetränke erhältlich die weitaus besser schmecken. Bier mag in Deutschland eine besondere Rolle spielen, aber ich finde es okay, wenn die Leute weniger Bier trinken. Dann ist es eben so.“

Doch für Heiko Maecken, einen 53-jährigen Finanzmann, gibt es zum Abschluss eines Tages nichts Besseres als einen kühles, frisch gezapftes Bier.

„Für ein gutes Bier war ich schon immer zu haben und ich trinke heute definitiv kein bisschen weniger als vor 30 Jahren“, so Maecken, der nach eigener Einschätzung rund einen halben Liter täglich trinkt. „Bier in Deutschland ist gut für die Gesundheit. Es enthält wichtige Nährstoffe und ist auf jeden Fall gesünder als Softdrinks, Smoothies oder Mischgetränke. Solches Zeug mag ich überhaupt nicht. Meine vier Töchter trinken alle so etwas. Für mich ist das aber nichts. Ein schönes frisches Fassbier würde ich jederzeit allem anderen vorziehen.“

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