Putin vs. Merkel
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In diplomatischen oder militärischen Konflikten können die Tatsachen auch noch lange nach Eingang sämtlicher Daten umstritten sein.

Medienberichte über internationale Konflikte sind in bestimmter Hinsicht wie Sportkommentare. Reporter beschreiben das Spielgeschehen und Kommentatoren analysieren es, wobei sie so Farbe in einen ansonsten eher langweiligen Bericht bringen.

Aber in diplomatischen oder militärischen Konflikten können die Tatsachen auch noch lange nach Eingang sämtlicher Daten umstritten sein. Eher oft als selten beinhalten Kommentare Anflüge von Voreingenommenheit gegenüber des einen oder anderen „Teams“, indem neuer Sprachgebrauch verwendet wird um die kulturspezifischen Untertöne zu maskieren, die unsere Wahrnehmung dessen, was passiert ist, bestimmen. Zur Verdeutlichung ziehen wir ein vor kurzem in Deutschland geschehenes Drama heran.

Vor einigen Monaten gab ein 13-Jähriges Mädchen aus Berlin gegenüber der Polizei zu, dass sie sich ihre Anschuldigen, wonach sie einige Wochen zuvor von Männern nordafrikanischer Herkunft oder aus dem Mittleren Osten entführt und vergewaltigt worden war, nur ausgedacht hat.

Normalerweise wäre diese Geschichte von niemandem außerhalb des lokalen Umfelds aufgegriffen worden. Aber dieser Fall war anders. Die Beschuldigungen des Mädchens, die auf aktuell vorherrschenden Narrativen beruhen, wurden von lautstarken Politikern mit ambitionierten Agendas instrumentalisiert, womit der Fall die höchsten Regierungskreise erreichte.

Die Politik der Stammesinteressen

Die Familie des Mädchens gehörte zur Gruppe der Wolga-Deutschen die seit den 80ern in Berlin lebt. Ihre Vorfahren waren ethnische Deutsche, die im 18. Jahrhundert in Siedlungsgebiete der Wolga emigrierten, angelockt durch das Versprechen Katharinas der Großen, ihre Sprache und Kultur beibehalten zu dürfen, wenn sie zum Aufbau eines starken Russlands beitrügen. 1924 bildete die Gemeinschaft sogar ihre eigene autonome sozialistische Sowjet-Republik.

Dennoch provozierte die Abkunft der ethnischen Gemeinschaft die Paranoia Stalins zwei Jahrzehnte später im Krieg mit Nazi-Deutschland, weshalb er die Wolgadeutschen in Arbeitslager in unwirtliche Ecken der Sowjetunion deportieren ließ.

Als der Ostblock 40 Jahre später zusammenbrach nutzten viele ethnische Deutsche aus der Diaspora das Recht auf freie Rückkehr nach Deutschland. Aber innerhalb eines Jahrzehnts fuhr Berlin diese Politik zurück und verschärfte die Bedingungen für eine Rückkehr nachdem erkannt worden war, dass viele der neueingebürgerten Staatsbürger die Fähigkeit der deutschen Sprache bzw. der Assimilation in die deutsche Gesellschaft verloren hatten.

Im Gegenzug stieg die Nostalgie der neu Eingebürgerten für das Land und die Werte, in denen sie aufgewachsen waren. Wie die „wiederentdeckte“ Vorliebe für Russland, so wuchs auch die Abneigung gegen den Islam in Deutschland.

Die Beliebtheit der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes – oder kurz PEGIDA – schnellte nach oben. Als ihre Anführer Wind von der behaupteten Vergewaltigung eines ihrer Mitglieder bekamen, stürzten sie sich auf die Geschichte und benutzten sie um Unzufriedenheit zu schüren. Straßenproteste flammten auf, die sich bereits als Antwort auf Enthüllungen intensivierten, nach denen illegale Immigranten hinter den massiven Übergriffen in Köln im Januar stünden.

Berichte von maskierten Bürgerwehren, die die nächtlichen Straßen Deutschlands durchstreiften, um die „Bürger zu beschützen“ tauchten auf. Die schwächelnde Anti-Europa-Partei „Alternative für Deutschland“ sah ihre Chance um ihre rechtsextreme Plattform zu etablieren. Der Parteisprecher ging sogar so weit, den deutschen Grenzbeamten den Schusswaffengebrauch zu gestatten um illegale Grenzübertritte zu verhindern.

Nachdem die Familie des jungen Mädchens sich im russischen Fernsehen darüber beschwert hatte, dass die deutsche Polizei nichts getan habe um die bezichtigten Schuldigen zu fassen, sahen auch russische Offizielle ihre Chance. Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezichtigte die deutschen Behörden der Vertuschung der Geschichte im Namen der politischen Korrektheit.

Damit stellte er die Story ins Zentrum einer Propaganda-Kampagne, welche die eigentliche wirtschaftliche und moralische Anführerin Europas – Angela Merkel – gegen den starken Mann Wladimir Putin ausspielen sollte, der die Interessen und einstige Größe Russlands auch in der Peripherie vertritt. Das deutsche Außenministerium konterte mit:

„Probleme häuslicher Gewalt sind für Russland anscheinend relevanter als die Beziehungen zu anderen Staaten.“

Die Stammesmutter und der Kriegshäuptling

Und so wurde wie so oft die Historie in aktuelle Politik einbezogen – zwei Interpretationen des Vorfalls entstanden. Eine entsprach Merkels und eine Putins Interessen – beide reflektieren die vorherrschenden Attitüden, welche dem jeweiligen Anführer überhaupt erst den Weg zur Macht ebneten.

Seit dem Anbruch der Agrar-Revolution haben sich Menschen in immer größeren Stämmen zusammengeschlossen um die von ihnen produzierte und wachsende Menge an Ressourcen besser verteidigen zu können. Dieselbe Stammesmotivation liegt vielen aktuell vorherrschenden Konflikten zugrunde. Im Mittleren Osten sind Identitätspolitiken das zweischneidige Schwert, welches bestimmt ob und welche Staaten bestehen oder im Chaos versinken. In den USA bestimmen soziale Unterschiede die Präsidentschaftswahl stärker als je zuvor.

In Thailand bedrohen religiöse Spannungen den brüchigen Frieden des Landes. Die jüngste Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Russland bildet hier keine Ausnahme und stellt einige Einsichten darin bereit, was passiert wenn zwei Stämme mit unterschiedlichen Perspektiven – und verschiedenen ins Feld geführten Anführertypen – aufeinandertreffen.

Als sich die Menschheit entwickelte wurden die basalen Veränderungen des Menschen von entsprechenden Adaptionen ihrer Sozialstruktur begleitet. Das Resultat war, dass ähnlich aussehende Menschen sich um eine Stammesmutter sammelten. Kooperative Nachwuchssorge war eine entscheidende Entwicklung in der menschlichen Evolution und führte die auf die Jagd ausgerichteten Banden dazu, sich den Bedürfnissen der Frauen der Gruppe anzupassen.

Und dies so stark, dass die Führungsgewalt schließlich von der Mutter auf die Tochter vererbt wurde. Diese Stammesmütter regulierten die internen Belange des Klans während sie zeitgleich männliche Anführer ernannten (und entließen), die sich um externe Interessen des Stammes – wie Krieg und Handel – zu kümmern hatten. Aber mit zunehmenden Bevölkerungszahlen wurden die Konflikte langwieriger und häufiger, weshalb die Macht auf die Kriegshäuptlinge überging und der Einfluss der Stammesmütter schwand.

Diese Dichotomie besteht bis heute: in Zeiten starker Anstrengung oder verstärkten Wettkampfs tendiert der Kriegshäuptling zu größerem Einfluss wohingegen in Zeiten von Wohlstand die Stammesmutter herrscht.

Jedes der beiden sozialen Geschlechter folgt unter diesen Umständen spezifischen Verhaltensweisen. Während Frauen solange bei ihren Männern bleiben wie ihnen Schutz zugesichert wird, tendieren sie dazu eine Fraternisierungsstrategie gegenüber feindlichen Männern einzunehmen um ihren Nachwuchs zu schützen, sobald diese Sicherheit nicht länger gewährleistet ist.

Die Krieger, die sich der Gefahr des Überlaufens ihrer Frauen ausgesetzt sehen, werden zielstrebiger und aggressiver. Das könnte zum Beispiel erklären, warum Lawrow so schnell danach rief, die Ehre des jungen Mädchens zu schützen, welches behauptete von Männern eines „anderen Stammes“ sexuell angegriffen worden zu sein.

In welches der beiden Lager genau – oder zwischen beide – heutige Anführer einzuordnen sind wird weniger vom Geschlecht als vielmehr vom Verhalten determiniert. Margaret Thatcher war zum Beispiel in ihrem Kampf um die britische Einheit in der Rückeroberung der Falkland-Inseln der Prototyp des Kriegshäuptlings. Dagegen steht Helmut Kohl in der Tradition des Stammesmutter-Archetyps, da er die Ostdeutschen in einem vereinten Staat wieder willkommen hieß.

In unserer Geschichte passt Merkel (von ihren Landsleuten passender Weise mit dem Spitznamen „Mutti“ bedacht) perfekt zum Bild des ernährenden Elternteils – der Stammesmutter. Im Gegensatz zu den pessimistischen Prognosen die angesichts der hohen Flüchtlingszahlen, die auf den Kontinent drängen, laut wurden, hat die Versicherung Merkels nach der Deutschland das „schaffen werde“ bislang funktioniert. In den letzten Landtagswahlen verlor sie nur die Unterstützung des extrem-rechten Randes und sie kann immer noch auf den Rückhalt von zwei Dritteln der deutschen Wählerschaft blicken.

Vielleicht ist es daher keine Überraschung dass Putin am Steuer einer Wirtschaft, deren Aussichten deutlich düsterer sind als die ihres Sowjet-Vorgängers, sich entschieden hat das Image des Kriegshäuptlings zu kultivieren. Seine gegenwärtige auf einem Allzeit-Hoch stehende Beliebtheit fußt auf der Persönlichkeit eines starken Beschützers, der die Dinge regelt – auch wenn das bedeutet sich dem auf der Türschwelle zu Mütterchen Russlands lauerndem Westen entgegen zu stellen. Solange wie er seine Leute davon überzeugen kann, dass ein gewisses Maß an Konfrontation und Entbehrung notwendig ist um ein prosperierendes und tragendes Heimatland aufzubauen, wird er weiterhin auf ihre Unterstützung zählen können.

Daher erhält ein scheinbar oberflächliches Geplänkel zwischen zwei Politikern eine neue Dimension. In Berichten über internationale Konflikte ist es wichtig den „Stammeskontext“ der Kommentatoren zu berücksichtigen – unabhängig davon, ob es um den des Schreibers oder den der beschriebenen politischen Belange geht. Nur so können wir eine ausgewogene Perspektive innerhalb der wirren realen oder fingierten emotionalen Aussagen bewahren.

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