Anleitung zu einem Polizeistatt
Sergei Karpukhin/Reuters
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Sieben Tipps aus Sowjetzeiten für einen erfolgreichen Polizeistaat.

Die Sowjetunion war einer der stabilsten Polizeistaaten der Welt – und ist mittlerweile einer der am besten dokumentierten. Von Stalins blutigem Terror bis hin zur weniger brutalen, aber nach wie vor streng autoritären Herrschaft von Chruschtschow und Breschnew, durchlief der sowjetische Polizeistaat verschiedene Phasen.

Aus dieser Geschichte erwachsen sieben tieferliegende Gewohnheiten, die kommunistische Machthaber zur Absicherung ihrer Herrschaft entwickelten.

1. Einen versteckten Feind finden

Ein Diktator ist gehasst und gefürchtet wegen jenen, denen er Leid zugefügt hat. Je gefürchteter er ist, desto mehr werden seine Gegner ihre Feindseligkeiten verbergen. Um in Sicherheit zu bleiben werden die Gegner versuchen, sich unter die Unterstützer zu mischen. Daraus ergibt sich das, was der Politikwissenschaftler Ronald Wintrobe als Dilemma des Diktators beschrieb: der Machthaber hat Angst vor seinen Gegnern, kann aber nur schwer herausfinden, welche das sind.

Von Lenin bis Andropow betrachteten sowjetische Machthaber versteckte Rivalen als größte Bedrohung ihrer Autorität. Stalin nannte sie „Wölfe im Schafspelz“: er stellte fest, dass ihre beste Tarnung der Beitritt zur herrschenden Partei war. Eine mächtige Geheimpolizei mit genügend verdeckten Ermittlern war die logische Reaktion auf derartige verborgene Bedrohungen.

2. Die üblichen Verdächtigen eliminieren

Doch wenn die Gegner ihre Feindseligkeit verstecken, wie kann die Geheimpolizei sie dann enttarnen? Nun, man kann mit den Dingen anfangen, die sich nicht verstecken lassen: persönliche und familiäre Geschichte.

Die Geheimpolizei kann dann Verzeichnisse über die am wahrscheinlichsten feindseligen Gruppen anlegen und sich auf diese konzentrieren. In der Sowjetunion fielen die üblichen Verdächtigen in viele Kategorien – Nachkommen der alten Oberschicht, Ausländer, und jene mit Verwandten im Ausland. Natürlich enthielten diese Gruppen auch viele mögliche Unterstützer, doch bei der Organisation des Großen Terrors 1937 war das Stalin egal: Da es nicht einfach ist, den Feind zu erkennen, ist das Ziel bereits erreicht, wenn nur 5% der Getöteten tatsächlich Gegner sind.

Im Laufe des Großen Terrors ordnete Stalin die Ermordung Hunderttausender Unschuldiger an, um sicherzugehen eine kleinere Gruppe von Regimegegner zu eliminieren. Beweise wurden nicht benötigt. Erfahrene Verschwörer lassen bei ihrer Arbeit keine Spur aus Dokumenten zurück.

Nach dem Tod Stalin wurden die üblichen Verdächtigen nicht mehr umgebracht oder massenhaft inhaftiert, doch sie standen weiterhin unter Beobachtung. Und der Polizeistaat fing weiterhin mit den üblichen üblichen Verdächtigen an.

3. Die Jugend im Auge behalten

Noch mehr Kopfschmerzen als die üblichen Verdächtigen verursachen junge Leute im Allgemeinen. Umgänglich, begeisterungsfähig und gierig nach Veränderungen sind sie geborene Rebellen. Eine Erhebung der im Rahmen der Kaunas-Unruhen von 1972 Festgenommen bestätigt diesen Eindruck: sie waren fast alle jung, fast alle an der Universität oder einer Arbeitsstelle, weitestgehend männlich, und viele von ihnen waren Mitglieder der Jugendorganisationen der Partei.

In der Nachkriegs-Sowjetunion gingen Eltern manchmal das Risiko ein, ihren Kindern das Verbergen abweichender moralischer oder kultureller Einstellungen in der Schule oder am Arbeitsplatz beizubringen. In Krisensituationen konnte diese Maske allerdings verrutschen und vorher verborgenen Widerstand enthüllen. Für die sowjetische Geheimpolizei hatte die Beobachtung junger Leute daher oberste Priorität.

4. Das Gelächter verstummen lassen

Was sind Kapitalismus und Kommunismus? „Kapitalismus ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen!“ Und Kommunismus? „Andersherum.“

George Orwell hielt fest, dass „jeder Witz eine winzige Revolution ist“. Heimlich weitererzählt erschafft der subversive Witz eine inoffizielle Gemeinschaft. Durch ihn stellen wir fest, dass wir nicht allein sind. Darum hörte sich der KGB auch nach Witzen um – und wenn er sie hörte, war das gar nicht mehr lustig. Zu Stalins Zeiten konnten Spaßvögel wegen anti-sowjetischer Agitation inhaftiert werden. Später wurden sie dann unter Umständen verwarnt, was zunächst harmlos wirken könnte, aber beängstigend effektiv war.

5. Rebellion verbreitet sich wie ein Lauffeuer

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http://romti.livejournal.com/1186369.html

Revolutionen kommen immer überraschend. „Von einem Funken wird ein Feuer lodern“ war das Motto von „Der Funke“, der ersten Untergrundzeitung der russischen Marxisten. Angst vor Funken bereitet der Geheimpolizei schlaflose Nächte.

Warum lässt sich eine Rebellion so einfach entfachen? Unter einem Diktator verbergen die Menschen ihre wahren Loyalitäten. Der Diktator ist nicht der einzige, der sich nicht sicher sein kann wie die Menschen wirklich denken. Auch die Menschen selbst können sich nicht sicher sein.

Laut dem Ökonomen Timur Kuran heucheln viele Leute einem repressiven Herrscher nur ihre Loyalität unter der Annahme vor, alle anderen seien engagierte Unterstützer. Diesen Leuten öffnet der erste Funke einer Rebellion die Augen. Plötzlich stellen sie fest, dass sie nicht allein sind. Diese Einsicht schmiedet Widerstand. Deswegen ziehen sich Massenaufstände durch die Geschichte des Kommunismus, wie z.B. die Demonstrationen in Kaunas 1972, die das Regime nicht hatte kommen sehen.

6. Tritt jeden Funken aus

Unter den richtigen Bedingung kann ein Funke sich mit hoher Geschwindigkeit zum Lauffeuer entwickeln, doch er wird nicht unmittelbar dazu. Das braucht seine Zeit. Ständige Alarmbereitschaft und eine schnelle Reaktion geben der Geheimpolizei die Zeit, das Feuer unter Kontrolle zu bringen.

Niemand weiß, wann oder wo der nächste Funken fliegen wird. Doch einige Orte sind gefährlicher als andere: Universitäten oder Hightech-Fabriken zum Beispiel, wo gebildete junge Menschen zusammenkommen. Vor allem dort konzentrierte der KGB seine Informanten. Die Geheimpolizei beobachtete überdies jedes größere offizielle Treffen – und vor allem öffentliche Treffpunkte wie den Roten Platz in Moskau, wo keine nicht angemeldete Demonstration länger als fünf Minuten dauerte, bevor sie aufgelöst wurde.

7. Ordnung durch Äußerlichkeiten gewahren

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Sowjetische Agitprop: Volk und Partei vereint.

Früher oder später verliert auch ein Geheimpolizist seine Leistungsfähigkeit und Unordnung wird sich breitmachen. Die Priorität liegt dann auf einer möglichst schnellen Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung, und zwar um jeden Preis. Die öffentliche Ordnung ist entscheidend, da sie die ultimative Quelle einer stabilen Diktatur darstellt. Für den Machthaber ist das Erscheinungsbild der Gesellschaft wichtiger, als wie sie wirklich ist.

„Das Volk und die Partei sind vereint.“ Warum erklärte jeder kommunistische Machthaber immer wieder diese Einheit und verlangte von den Menschen, sich entsprechend zu verhalten? Damit Dissidenten das Gefühl bekämen, sie wären die Einzigen mit dem Drang zum Widerstand. Eine Rebellion ist gefährlich, wenn du glaubst alleine zu sein.

Die Wahrung von Äußerlichkeiten hat jahrzehntelang funktioniert. Sie machte den Kollaps der kommunistischen Herrschaft unvorstellbar. Dann, als die Ordnung doch zusammenbrach, musste dies plötzlich geschehen und alle überraschen. Oder wie Alexei Yurchak es ausdrückte: „Alles war für die Ewigkeit, bis es nicht mehr da war.“

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