Die Minarette Teherans
Zuma\TASS
Hauptseite Analytik

Die Spaltung zwischen Bevölkerung, dem Staat und der Regierung wird immer deutlicher.

In Teheran kann man mehrere Tage am Stück verbringen, ohne den lauten Ruf zum Gebet zu hören. Für jemanden, der in Istanbul lebte, ist das eine ziemliche Überraschung. Denn dort konkurrieren die Muezzine per an Minarette montierte Lautsprecher – bis zu elf Stück – um Aufmerksamkeit.

Denn immerhin ist Teheran die Hauptstadt der Islamischen Republik Iran. Frauen sind verpflichtet, ihren Kopf zu bedecken und jede offizielle Rede oder öffentlicher Kommentar beginnt mit einer Anrufung Gottes. Der oberste Führer ist ein Kleriker, wie auch der gegenwärtige Präsident des Iran sowie zwei von seinen drei Vorgängern. Und dennoch wurde die Lautstärke der Gebetsrufe verringert, weil sich die Leute beschwert haben.

„Der Ruf zum Gebet war eigentlich viel lauter, aber dann wurde beschlossen ihn zu verkürzen und leiser zu stellen“, sagte Seyyed Mohammad Ali Ayazi, ein reformistischer Kirchenangehöriger aus der 177 km südlich von Teheran gelegenen Stadt Qom, einem der wichtigsten religiösen Zentren des Iran. Ayazi meinte, dass die Direktive die Lautstärke zu verringern ungefähr vor 10 Jahren an die Moscheen übermittelt wurde. Seiner Meinung nach zeige dieser Prozess, dass der Klerus sich um die Probleme der normalen Iraner kümmere. Hinzu fügt er, dass heutzutage viele Leute stattdessen eine Aufnahme des Rufes auf ihrem Mobiltelefon benutzten. Und, wie zum Beweis, macht sich sein eigenes bemerkbar.

Wahrscheinlich ist die Liste des freundlichen Umgangs des theokratischen Regimes mit seinen Bürgern ansonsten sehr kurz. Keine der dafür zuständigen Hilfseinrichtungen konnte den kleinsten Hinweis auf derartige Geschehnisse in den offiziellen Regierungsanweisungen ausmachen, aber führende Geistliche haben sich des Problems öffentlich angenommen. Die Lautstärke des Gebetsrufes wurde – wie so viele andere Dinge im Iran – ein Diskussionspunkt zwischen konservativen und reformistischen Kirchenführern und wie in den vergangenen Parlamentswahlen gewannen die Reformisten den Streit in Teheran.

Wie immer die überraschende Ruhe auch zustande kam, die Nachbarschaftsbeschwerden fügen sich in ein Muster, das Ayazi ausgemacht hat: Insbesondere junge, urbane Iraner sind in religiöser Hinsicht in den letzten Jahren weniger aufmerksam geworden; hauptsächlich deshalb, weil sie damit begonnen haben, Religion mit einem unbeliebten Staat in Verbindung zu bringen. Daher wurden sie weniger tolerant gegenüber öffentlichen religiösen Symbolen, sogar während der politische Islam zeitgleich in anderen Teilen des mittleren Ostens eine Wiederbelebung erfährt. Ayazi sagt:

„Statistische Erhebungen zeigen, dass die Menschen in den 10 Jahren der Regierungszeit des früheren Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad ihre Religion weniger zu praktizieren begannen, besonders nach 2009, als sich eine große Lücke zwischen der Gesellschaft, dem Staat und dem herrschenden System auftat.“

Vergleichbare, 1975 (vor der Revolution) und 2001 angefertigte Studien legen nahe, dass das religiöse Bewusstsein seit einiger Zeit zurückgeht, was einen akademischen Bericht veranlasste, anzunehmen, dass „während die Iraner nach wie vor starke religiöse Gefühle und einen starken Glauben hätten, die Schia unter theokratischer Herrschaft aber privatisiert wurde.“

Dieser reaktive Prozess kann in beide Richtungen funktionieren. In den dreißiger Jahren hat der letzte Shah des Vaters des Irans, Reza Shah, ähnlich westliche Politik betrieben wie Kemal Atatürk in der benachbarten Türkei, Er führte weltliche Gericht und Schulen ein und unterminierte so die immense Macht der schiitischen Geistlichen – und deren Lebensgrundlage. Er zwang die Iraner auch dazu, westliche Kleidung zu tragen und schaffte den Schleier ab. Sein Sohn setzte viele dieser Maßnahmen fort, was dabei hilft, die intensive religiöse Natur der iranischen Revolution zu erklären.

Ali Mirmoosavi, ein anderer liberaler Kleriker in Qom und Assistenzprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Mofid zeichnet diese Verbindung noch deutlicher: „Mir scheint, dass es eine umgekehrte Beziehung zwischen der Intensität der von der Regierung angewendeten Gewalt zur Durchsetzung von Religion und dem Glauben der Menschen gibt.“

Man verstehe mich nicht falsch: dieser Staat bleibt eine tief religiöse Nation und keiner dieser Geistlichen fordert eine Trennung von Moschee und Staat nach westlichem Vorbild. Das fundamentalistische Regime ist fest etabliert. Das gilt besonders in Städten wie Qom, einem Pilgerort, wo praktisch alle Frauen in der Öffentlichkeit die schwarzen Chador-Umhänge tragen, selbst wenn diese Kleidung von Frauen gemieden wird, die mit modischen Klamotten und mit lediglich am Hinterkopf befestigten Schaltüchern in den schicken Cafés Teherans sitzen. Es ist nur so, dass einer wachsenden Zahl von Iranern der Glauben immer mehr zur Privatsache und der politische Islam immer mehr zuwider wird.

Symptomatisch dafür sind die Freitagsgebete, die ich letztens in der großen Mosalla-Moschee in Teheran besuchte. Die Moschee ist riesig, mit einer Halle von der Größe mehrerer Fußballfelder. Sie war vielleicht zur Hälfte gefüllt und es wurden Fernsehaufnahmen gemacht. Ich schätzte die gelegentlich von Militärangehörigen durchsetzte Menge auf ungefähr 5000 Personen. Das klingt nach vielen Menschen, aber nur eine Handvoll Moscheen hält Freitagsgebete in Teheran.

Zum Teil liegt das an den vorgegebenen Abständen, die zwischen den Versammlungen liegen müssen (mindestens ein persischer „Farsakh“, ca. 4 km), aber ich vermute auch deshalb, weil sie leer bleiben würden. In einer Stadt mit einer von der jeweiligen Berechnungsgrundlage abhängigen Einwohnerzahl zwischen 9 und 16 Millionen ist die implizierte Teilnehmerrate sehr gering – selbst wenn jede Moschee zu den Freitagsgebeten so viele Besucher wie die Mosalla Moschee hätte.

Teheraner der Mittelklasse, mit denen ich gesprochen habe, bleiben den Freitagsgebeten fern, weil sie sie als politisches Theater betrachten. Und wirklich, während seiner Predigt begann der Gebetsführer, in die Luft zu schlagen und zu schreien: „Tod den USA! Tod für Israel! Tod den Ungläubigen!“ Als meine Nachbarn und die meisten anderen der Versammlung nachzogen, erhoben sie ihre Fäuste ohne besonderen Enthusiasmus und sprachen die Worte eher, als sie zu schreien. Die beiden Gruppen der schläfrigen Soldaten, die ich von meinem Sitzplatz aus sehen konnte, taten nichts.

Augenblicke nachdem er sich den Rufen nach Tod für die USA angeschlossen hatte, lehnte sich mein linker Nachbar herüber und fragte höflich, woher ich sei. Als ich ihm sagte, dass ich aus London sei, fragte er, ob ich Engländer wäre. Ich erklärte, dass ich US-Amerikaner sei. „Ah, ich mag die USA“, sagte er mit sich aufhellendem Gesicht. „Es ist ein Land mit sehr vielen Freiheiten.“ Wo immer man auch steht: der Iran kann davon mehr gebrauchen.

Хотите узнать больше о гражданстве за инвестиции? Оставьте свой адрес, и мы пришлем вам подробный гайд

Bitte beschreiben Sie den Fehler
Schließen
Schließen
Vielen Dank für ihre Anmeldung
Klicken Sie 'gefällt mir' auf Facebook, so dass wir interessante Artikel kostenlos weiter machen können.