Grenzkontrollen und die europäische Wirtschaft
REUTERS/Vincent Kessler
Hauptseite Analytik

Aufgrund der Einwanderungskrise führt Europa immer mehr Grenzkontrollen ein, allerdings kann die Aussetzung von Schengen-Abkommen negative Folgen für die europäische Wirtschaft haben.

Der Verkehr auf einer der am meisten ausgelasteten Autobahnen Europas, die genutzt werden um ungehindert zu passieren, staut sich jetzt kilometerlang an dem neuerdings eingerichteten Kontrollpunkt, wo eine Phalanx deutscher Polizisten Lastwagen und Autos nach versteckten Migranten überprüft.

Als Ergebnis haben Österreicher, die in Deutschland arbeiten, Probleme an diesem Grenzübergang zu ihren Arbeitsplätzen zu kommen. Viele Unternehmen in Deutschland müssen einige Tage länger als sonst auf Essenslieferungen, Ersatzteile für Maschinen und andere Waren warten. Käufer, die an Wochenenden Spritztouren in die Läden in Freilassing gemacht haben bleiben jetzt größtenteils weg.

„Das ist wirklich schlecht“, sagte Karl Pichler, der Inhaber eines großen Gartencenters hier in Freilassing, dessen Verkauf von Tulpen, Rosensträuchern und anderen Pflanzen zurückging, als die Stammkunden aus Österreich ausblieben.

Über zwei Jahrzehnte nachdem in großen Teilen Europas die Abschaffung von Grenzkontrollen im Rahmen des sogenannten Schengen-Abkommens begann, hat der Freiverkehr von Personen und Erzeugnissen zwischen den Ländern geholfen, die europäische Union in einer weltweit größte Wirtschaft zu verwandeln.

Auswirkungen für die Wirtschaft

Doch da sich der Block jetzt mit der größten Migrationskrise nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, befindet sich der Handel nach der erneuten Einrichtung von Checkpoints auf einigen der wichtigsten Transportrouten der Region in der Klemme und es drohen Kosten in Höhe von Milliarden Euro für nicht stattgefundene Geschäfte und das ausgerechnet dann, als Europa sich von einem sechs Jahre andauernden Konjunktureinbruch erholt.

Da kein Ende in der Flüchtlingskrise in Sicht ist, drängen die Regierungen einiger Länder darauf, die Anzahl der Grenzkontrollpunkte in Europa zu erhöhen und ihre Nutzungsdauer auf bis zu zwei Jahre zu verlängern. Diese Veränderung belastet nicht nur den politischen und sozialen Zusammenhalt, sondern bedroht auch das nach dem Krieg in dieser Region geltende Prinzip des Friedens durch den Wohlstand.

Während vereinzelte Aufrufe Schengen auszusetzen als politisches Getue abgetan werden könnte, befürchten Kritiker, dass Grenzkontrollen zur Tatsache werden.

Jean-Claude Juncker, der Präsident der Europäischen Kommission warnte das Europäische Parlament im Januar:

„Wir schließen die Grenzen, eine nach der anderen, und sobald sie alle geschlossen sind, werden wir sehen, dass die wirtschaftlichen Kosten riesig sind.“

Immer mehr Grenzkontrollen

Von den 28 Ländern der Europäischen Union haben 22 die Passfreiheit vereinbart, mit Großbritannien als einer der bemerkenswerten Ausnahmen. Aber die Linien quer durch Europa wurden schnell neu gezogen.

Seit Herbst haben sich Österreich, Dänemark, Frankreich, Norwegen und Schweden bei der Verhängung und Verlängerung vorübergehender Grenzkontrollen Deutschland angeschlossen. Letzte Woche schloss Belgien vorübergehend seine Grenze zu Frankreich.

Auf verschiedenen anderen Grenzen wurden Zäune hochgezogen, darunter auch auf denen in Ungarn, Serbien und Kroatien sowie entlang der österreichisch-slowenischen Grenze.

Aussetzung des Schengen-Abkommens

Die europäischen Regierungen und Forschungseinrichtungen haben damit begonnen, den potentiellen Schaden abzugleichen.

Mit 75 Millionen Fahrzeugen pro Jahr und 1,7 Millionen Arbeitnehmern, die täglich Europas Grenzen überqueren, könnte der Europäische Union ein bis zu 18 Milliarden Euro hohe Schaden entstehen, oder 19,6 Milliarden Dollar jährlich an entgangenen Geschäftsmöglichkeiten, steil ansteigenden Fracht-und Pendlerkosten, Unterbrechungen in Lieferketten und Ausgaben der Regierungen für den erweiterten Schutz von Grenzen, so der kürzlich veröffentlichte Bericht der Europäischen Kommission, der Verwaltungszweigstelle der Union.

Sollte die europäische Union zu dauerhaften Grenzkontrollen zurückkehren, um syrische, afghanische und irakische Migrantenströme über Griechenland und dem Westbalkan in Richtung Nordeuropa abzuschwächen, könnten die Kosten langfristig die 100 Milliarden-Euro-Grenze überschreiten, wie in einer separaten Studie der französischen Regierung berechnet wurde.

Offene Grenzen treiben dem Wachstum, die wirtschaftliche Effizienz und die Zahl der Arbeitsplätze in die Höhe, sagte Vincent Aussilloux, der Direktor der France Stratégie, der Wirtschaftsplanungsagentur der französischen Regierung. „Es ist das, was wir in Gefahr bringen würden“, so Aussilloux, „wenn wir Schengen auf unbestimmte Zeit verlassen würden“.

Für Doruk Tumer, einen Lkw-Fahrer eines türkischen Transportunternehmens, wurde die Reise nach Deutschland zu einer von Straßensperren durchsetzten Odyssee.

Zuvor dauerte seine Route aus der Türkei und Griechenland durch den Westbalkan – einer ähnlichen Route, wie sie letztes Jahr fast 1 Million Migranten nutzten – etwa fünf Tage. Jetzt kann es bis zu zwölf Tage dauern, so Tumer, dabei dauert manchmal eine ehemals zweistündige Fahrt durch Österreich über einen Tag in Anspruch.

„Zeit ist Geld“, sagt er, und weist darauf hin, dass die Kosten aufgrund längerer Lieferzeiten, höheren Kühlkosten für verderbliche Waren und den gelegentlichen Einsatz eines zweiten Fahrers um die Verzögerungen zu überwinden um 30 Prozent gestiegen sind.

Es ist nicht klar, dass die Europäische Union gerade jetzt bereit ist, Schengen ad acta zu legen. Amtsträger suchen nach Wegen, um Europas Außengrenzen zu sichern, so das Geländer innerhalb der Union ihre Grenzen nicht versiegeln müssen.

Insbesondere drängen europäische Beamte Griechenland, das Europas Südgrenze bildet, dazu seine Flüchtlingskontrollen ab Mitte Mai zu verschärfen. Sollte Griechenland dabei scheitern dieser Forderung zu entsprechen, könnten Grenzkontrollen wie die in Freilassing bis 2018 oder darüber hinaus verhängt werden.

Unterschiedliche Auswirkungen

Für große Unternehmen, die in ganz Europa betrieben werden, sind die Auswirkungen bisher überschaubar gewesen.

Ikea, die in Schweden beheimatete Unternehmensgruppe für Möbel, sagte, die Grenzkontrollen hätten ihren europäischen Handel bisher nicht gestört, weil sie eng mit den Transportunternehmen gearbeitet habe, um Lieferungen zu gewährleisten. Amazon, das 29 Handelsknotenpunkte in der Europäischen Union hat, ist bereit sicherzustellen, dass sein Geschäftsbetrieb „unabhängig von externen Faktoren" aufrechterhalten werden kann, sagte Roy Perticucci, Vicepräsident der Abteilung European business des Unternehmens.

Aber in vielen Ecken Europas, haben Kontrollen an den Grenzen bereits teure Auswirkungen gezeigt. An der Öresund-Brücke, mit einer Acht-Meilen-Spannweite, die LKW-, Auto- und Bahnverkehr zwischen Schweden und Dänemark aufrechterhält, kämpfen jetzt täglich über 15.000 Pendler mit zwei Identifikationsprüfungen, weil beide Länder Grenzkontrollen fordern.

Die Verzögerungen der dänischen Eisenbahngesellschaft – DSB, kosten 1,2 Millionen Euro im Monat an entgangenen Geschäften wenn Züge abgesagt werden und Pendler sich entscheiden mit dem Auto zu fahren, sagte Tony Bispeskov, ein Sprecher der DSB.

In diesem Monat begannen die Kopenhagener Büros von Ferring Pharmaceuticals Busverbindungen anzubieten, um ihre Mitarbeiter wieder nach Hause nach Schweden zu bringen, damit sie keine Zugverspätungen zu ertragen haben. Wochenend-Shopper, die von Kopenhagen nach Malmö in Schweden fuhren „wurden verscheucht", fügte Herr Bispeskov hinzu.

Die Niederlande, die Heimat einiger der größten europäischen Exporteure und Importeure, hält sich auch für verwundbar. Während die Holländer noch keine Grenzkontrollen in Auftrag gegeben haben, warnen Unternehmen, das die Kosten ansteigen würden, wenn Deutschland ihre gemeinsame Grenze blockieren würde oder wenn Hindernisse an anderen Stellen fortgesetzt bestünden.

Die niederländische Firma FleuraMetz, die Rosen, Tulpen und Orchideen an Geschäfte in anderen Ländern Europas und in Nordamerika liefert, wurde bereits mit Sicherheitskontrollen von mindestens 12 Stunden Dauer bei Calais, Frankreich, in der Nähe der Straßenmündung in den Eurotunnel, die den Kontinent mit Großbritannien verbindet, konfrontiert.

Das Unternehmen mit Sitz in Aalsmeer, schickt Lastwagen mit Lieferungen in die Vereinigten Staaten durch den Tunnel zum Heathrow Airport in der Nähe von London. An einem Punkt waren die Engpässe so schlimm, dass FleuraMetz entschieden hat Blumen nach Heathrow zu fliegen um Anschlussflüge nicht zu verpassen, dabei erhöhten sich die Kosten für Lieferungen nach New York um rund 25 Prozent.

In Deutschland, an der Grenze in der Nähe von Freilassing, sagte die Polizei sie arbeiteten daran, den Schaden zu begrenzen. „Es ist nicht in unserem Interesse, große Verzögerungen zu verursachen", sagte Rainer Scharf, ein Polizeisprecher . Am Kontrollpunkt, winkte die Polizei die Lastwagen mit Prüfplaketten aus Österreich durch, hielte aber Fahrzeuge mit „arabisch aussehenden Personen" an, sagte Scharf.

Heute sieht die temporäre Grenzanlage wie eine dauerhafte aus, mit Büros und Computer-Terminals und einem aufsteigenden weißen Zelt, das Dutzende von Polizisten schützt. Es wurden so viele Polizeibeamten hierher geschickt, dass alle örtlichen Hotels ausgebucht sind.

Anderen hiesige Händlern ist es nicht so gut ergangen. „Die meisten Unternehmen in der Stadt haben enorme Einbußen hinzunehmen“, sagte Herr Pichler, der Florist, der sich Sorgen macht, dass er vielleicht schon bald wird Mitarbeiter entlassen müssen.

Dennoch, sagte Herr Pichler, bei dem Zustrom von Migranten nach Deutschland seien die Grenzkontrollen notwendig.

„Es ist das Richtige, auch wenn wir Schaden davon nehmen", sagte er. "Wir müssen die Situation mit den Migranten unter Kontrolle bekommen".

Хотите узнать больше о гражданстве за инвестиции? Оставьте свой адрес, и мы пришлем вам подробный гайд

Bitte beschreiben Sie den Fehler
Schließen
Schließen
Vielen Dank für ihre Anmeldung
Klicken Sie 'gefällt mir' auf Facebook, so dass wir interessante Artikel kostenlos weiter machen können.