Der nächste UNO-Generalsekretär
Wolfgang Rattay/Reuters
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Darum könnte Angela Merkel die UNO führen

Abgeheftet in den Tiefen eines Büros am Sitz der Vereinten Nationen in Turtle Bay, New York, befindet sich eine kleine Sammlung vergilbter Briefe. Darin finden sich Anträge des ersten Generalsekretärs der Organisation, des früheren norwegischen Premierministers Trgyve Lie, dass man es ihm erlaube, seinen Posten zur Verfügung zu stellen. Bis heute ist sein Motiv unklar: wollte er verzweifelt den Belastungen seine hohen Amtes entkommen? Oder war er überzeugt von seiner eigenen Unverzichtbarkeit und wollte Bitten von Mitgliedsstaaten vorbeugen, im Amt zu bleiben?

Tatsächlich sollte ihm der Wunsch früh genug erfüllt werden: Seine zweite Amtszeit endete vorzeitig im Jahr 1952, als das Land, welches zunächst so beharrlich sein Kandidatur unterstützt hatte – die Sowjetunion – dabei half, seinen Abgang zu bereiten. (Als ich bei den Vereinten Nationen angestellt war, wurde mir von Kollegen versichert, dass Mr. Lie's Ablösung in keinster Weise etwas mit dem Umstand zu tun hatte, dass man Kontroversen befürchten würde, wenn herauskäme, dass er es sich angewöhnt hatte, unter dem ungewöhnlichen Pseudonym „Rodney Witherspoon“ zu firmieren, wenn er seine Geliebte in Genf begleitete, wo die Vereinten Nationen Büroräume von der Liga der Nationen übernommen hatten.)

Am letzten Tag dieses Jahres wird der aktuelle, achte Generalsekretär der Organisation, Ban Ki-Moon, davon zurücktreten, was Lie als „den unmöglichsten Job der Welt“ beschrieb. Vor einigen Wochen begann die Suche nach seinem Nachfolger mit einem neuen Ansatz: einem gemeinsamen Brief des Präsidenten der Generalversammlung, Morgens Lykketoft, und der damaligen Präsidentin des Sicherheitsrates, der US-amerikanischen UNO-Gesandten Samantha Power, der die Mitglieder der Versammlung aufforderte, Kandidaten vorzuschlagen.

Im Rahmen einer weiteren Neuerung werden die Mitgliedsstaaten die Bewerber tatsächlich befragen, anstatt des traditionellen Prozesses, der so undurchsichtig war, dass eine Papstwahl im Vergleich transparent wirkt. Jene, die sich für einen transparenteren Auswahlprozess einsetzen, hoffen zudem, der Sicherheitsrat könnte der Generalversammlung mehr als einen Kandidat zur Auswahl stellen. Allerdings hatte die Generalversammlung bisher noch nie die Chuzpe, einen Kandidaten des Sicherheitsrates abzulehnen. Die frühere irische Präsidentin Mary Robinson ist eine der "Ältesten", der Gruppe globaler Führer, die von Nelson Mandela ins Leben gerufen wurde, um sich für Reformen einzusetzen. Sie sagte vor kurzem:

„In der heutigen Welt ist es moralisch nicht zu entschuldigen, das Auswahlverfahren des Generalsekretärs in seiner derzeitigen Form beizubehalten.“

Als Ban vor neun Jahren Generalsekretär wurde, waren die Kämpfe in Darfur das größte Konfliktthema auf seinem Schreibtisch. Doch im Laufe der Jahre nahm die Zahl der Konflikte zu, wobei sie letztendlich im vielleicht schwierigsten und hartnäckigsten von allen gipfelten: dem in Syrien wütenden Bürgerkrieg, der bald in sein sechstes Jahr geht. Trotz großer Anstrengungen Ban's hat die internationale Gemeinschaft nicht geschafft, einen Flächenbrand zu löschen, der offensichtlich eine ernste Gefahr für Frieden und Sicherheit darstellt.

Den Vereinten Nationen wird oft die Schuld für dieses Scheitern gegeben; faktisch liegt die Verantwortung aber bei den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates und den Aggressoren in der Region. Diese Fünf haben nun eine Gelegenheit, bei der Auswahl eines Anführers zu helfen, der unter Umständen in der Lage sein könnte, diese Dynamik zu ändern und die Bedeutung der Vereinten Nationen wieder herzustellen.

Wer sind also die Favoriten?

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Antonio Guterres, Irina Bokova, Kristalina Georgieva, Susana Malcorra

Portugal hat seinen ehemaligen Premierminister Antonio Guterres vorgeschlagen, der zwei Amtszeiten als Leiter Hohen Kommissariats der Vereinten Nationen für Flüchtlinge absolvierte und letztes Jahr mit der Warnung Schlagzeilen machte, die humanitären Organisationen stünden „kurz vor dem Kollaps“ aufgrund des Ausmaßes der globalen Flüchtlingskrise.

Es gibt allerdings auch Druck, der osteuropäischen Ländergruppe den Vortritt zu lassen, zumindest nach dem inoffiziellen Rotationsprinzip. Ein wachsendes Momentum für die Vereinten Nationen, erstmals eine Frau zur Generalsekretärin zu ernennen, erklärt auch die starke Auswahl an Frauen, die von Osteuropa präsentiert werden, so zum Beispiel Irina Bokova, Leiterung von UNESCO, und Kristalina Georgieva, eine Kommissarin der Europäischen Union. Zu weiteren Frauen, die als Mitbewerber auftreten könnten, gehören die frühere neuseeländische Premierministerin Helen Clark und Argentiniens neue Außenministerin, Susana Malcorra.

Doch eine Kenner der Vereinten Nationen sprechen von einer Frau, die weitaus etablierter auf der Weltbühne ist: die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Letztes Jahr gab es in deutschen Medien Spekulationen über eine mögliche Kandidatur, doch diese sind wieder verflogen und Merkel hat ohnehin genug zu tun, seit Deutschland einen riesigen Strom an Flüchtlingen willkommen hieß.

Mit Blick auf die nächstes Jahr in Deutschland anstehenden Wahlen zitiert das Nachrichtenmagazin Der Spiegel Kollegen Merkel's, dass diese keine vierte Amtszeit wünsche. Während sich vor dem Hintergrund der europäischen Einwanderungskrise Widerstand gegen ihre fortgesetzte Politik der offenen Tür formiert, ist die Rede von einem „würdevollen Abtritt“ für die Kanzlerin.

Warum Merkel?

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Reuters

Kein Kandidat könnte wie von Zauberhand das Ansehen der Vereinten Nationen wieder herstellen, aber es gibt eine überzeugende Logik für eine Kandidatur von Merkel. Sie ist sowohl weiblich, als auch – als jemand, der in ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik aufwuchs – osteuropäisch. Noch wichtiger ist allerdings ihr intuitives Gespür für den russischen Präsidenten Wladimir W. Putin, welcher als KGB-Offizier in Dresden stationiert war, als die Berliner Mauer fiel. Selbst als Russlands Annexion der Krim Merkels Geduld aufs Äußerste strapazierte, hatte sie weiterhin regelmäßige Telefongespräche mit Putin. Sie könnte eine einzigartige Fähigkeit mitbringen, zwischen Russland und den USA zu vermitteln.

Die bemerkenswerte Reaktion Deutschlands unter ihrer Führung auf die europäische Flüchtlingskrise hat auch Merkels humanitäre Glaubwürdigkeit gestärkt. Auf dem Höhepunkt der letztjährigen Einwanderungswelle trat der starke Gegensatz zwischen Merkels Bereitschaft, hunderttausende verzweifelter Asylsuchender aufzunehmen, und der geizigen Reaktion des britischen Premierministers David Cameron zutage, ebenso mit der wachsenden Fremdenfeindlichkeit unter einigen ostmitteleuropäischen Führern.

Zur selben Zeit sah sich die Kanzlerin einer weiteren existenziellen Gefahr für die Eurozone gegenüber, als die griechische Volkswirtschaft letztes Jahr wieder in den freien Fall überging. Merkel fand geschickt einen Kurs zwischen der erzürnten öffentlichen Meinung in Griechenland und jenen in ihrer eigenen Regierung, unter anderen ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble, die bereit waren, Griechenland die Tür zu weisen.

Die Aufgaben für Ban's Nachfolger sind entmutigend. Trotz der von ihm initiierten Reformen bleiben die Vereinten Nationen eingeschüchtert, ängstlich gegenüber Veränderungen und misstrauisch zu Außenstehenden. Diese neue, multipolare Welt, wo Konflikte nationale Grenzen überschreiten, ist ausgesprochen schwierig zu lenken. Doch wenn jemand dieser Aufgabe gewachsen wäre, dann die deutsche Kanzlerin.

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