Warum der sinkende Ölpreis doch zu keinem Boom führen könnte
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19. Januar 2016
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Warum der sinkende Ölpreis doch zu keinem Boom führen könnte

Es gab eine Zeit, da war „Blue Monday“ nur ein Song von New Order. Heutzutage ist es der dritte Montag im Januar, angeblich der meist deprimierende Tag des Jahres.

Es ist zwar fraglich, ob es irgendeine wissenschaftliche Grundlage für diese Behauptung gibt, aber letztendlich ist das Argument, dass es den Leuten schlecht geht, weil Weihnachten vorüber ist, die Kreditkartenrechnungen ins Haus flattern und man im Dunkeln auf Arbeit geht und auch im Dunkeln wieder nach Hause kommt.

Dieses Jahr gab es einen zusätzlichen Grund, niedergeschlagen zu sein: es ist über 80 Jahre her, dass die Finanzmärkte einen derart schlechten Start ins neue Jahr hatten. Die trübe Stimmung wurde von RBS zusammengefasst, das seinen Kunden riet, alles außer hochwertigen Bonds zu verkaufen.

Rezessionsangst verfolgt die Märkte. Dies mag kaum verwundern, wenn man bedenkt, dass die Erholung von der tiefsten Krise der Nachkriegszeit noch längst nicht abgeschlossen ist. Die vorläufige Bilanz von sieben Jahren nie dagewesener Wirtschaftsförderung infolge von Nullzinspolitik und quantitativer Lockerung wäre eine halbgare Erholung, zunehmende Schere zwischen Arm und Reich, Krise der Schwellenmärkte und entwickelte Länder in tiefer Deflation.

All das erklärt, warum politische Entscheidungsträger hoffen, dass die Bären sich irren und die Märkte viel Wind um nichts machen. Und tatsächlich werden Notverkäufe und der Absturz des Ölpreises auf unter 30 Dollar pro Barrel schnell in Vergessenheit geraten, sollte die Weltwirtschaft weiterhin mit der aktuellen bescheidenen Geschwindigkeit wachsen.

Die Vorstellung, dass ein fallender Ölpreis ein Problem darstellen könnte, scheint intuitiv falsch zu sein. Seit den frühen 1970ern galt eine einfache Gleichung: stark steigende Ölpreise bedeuten globale Rezession. Dies bewahrheitete sich 1973-74, 1979-80, 1990 und 2008. Dagegen wurden Zeiten fallender Ölpreise – Mitte der 1980er und die zweite Hälfte der 1990er – mit Boomphasen assoziiert.

Dafür gibt es auch einen Grund. Wenn der Ölpreis steigt, profitieren zwar die Rohöl-Produzenten, doch sparen diese einen Großteil der unverhofften Gewinne. Wenn der Preis fällt, gewinnen zwar die Konsumenten, geben allerdings die Mehreinnahmen lieber aus, anstatt sie zur Bank zu bringen. So gesehen sollte also der Umstand, dass Freitagnacht ein Barrel Öl für knapp unter 30 Dollar gehandelt wurde, im Gegensatz zu 115 Dollar pro Barrel im August 2014, eigentlich eine gute Nachricht sein. Daraus folgen günstigerer Treibstoff, kleinere Energierechnungen und niedrigere Transportkosten für Unternehmen.

Doch die alte Gleichung scheint nicht mehr aufzugehen. Ölproduzenten spüren zweifellos die Folgen, doch das globale Wachstum nimmt eher ab als zu. Die Märkte fürchten, dass der sinkende Ölpreis eher Ausdruck schwindender Nachfrage als von Überangebot ist.

Für diese These sprechen ein stagnierendes Handelswachstum, ein Rückgang im Frachtverkehr in den USA, der Absturz des Baltic Dry Index – eine nicht fehlerfreie, aber vielbeachtete Referenz für Güterbewegungen per Schiff – und der signifikante Preisverfall von Industriemetallen. Der Preissturz von Kupfer, Eisenerz und Aluminium erschwert die Argumentation, dass der Zusammenbruch des Ölpreises lediglich Folge eines Überangebots an Öl und der Unfähigkeit des OPEC-Kartells ist, sich am Riemen zu reißen.

Folglich sollte ein fallender Ölpreis eigentlich für wirtschaftliche Belebung sorgen, da er für mehr Geld bei Konsumenten und Unternehmen sorgt und damit dieselbe Wirkung hat, wie Steuererleichterungen oder Zinssenkungen. Je tiefer der Ölpreis sinkt, desto größer der Aufschwung, unter zwei wichtigen Bedingungen.

Die erste ist, das einige der größeren Öl- und andere Rohstoffe fördernde Schwellenländer nicht vorher an ihre Grenzen stoßen. Viele von ihnen sehen sich einer möglicherweise tödlichen Kombination aus wachsenden Handelsdefiziten, geschwächten Währungen und in Dollar zu bedienenden Schulden ausgesetzt.

Die zweite Bedingung ist, dass eine Periode andauernder Deflation vermieden werden kann. Als die Ölpreise Ende 2014 heftig fielen, gingen die meisten Zentralbanken davon aus, dass dieser Einfluss nur vorübergehend sein würde. Die Inflation würde zurückgehen, doch da sich Arbeitgeber und Beschäftigte darüber im Klaren waren, dass sich der Ölpreis erholen würde, hätte dies keinen bleibenden Einfluss auf das Niveau der Lohnabschlüsse.

Dies stellt sich nun als zweifelhafte Annahme heraus. Die Inflation liegt in den meisten entwickelten Ländern unter dem Zielniveau und es herrscht die Angst vor einer weiteren Absenkung infolge des neuerlichen Ölpreisverfalls und der Bereitschaft Chinas, Währungsabwertung einzusetzen, um billige Güter über den Rest der Welt zu verteilen.

China konnte sich seinerzeit dem Schlimmsten des Abschwunges von 2008/09 durch eine Mischung aus Staatsausgaben und Kreditboom entziehen. Die Privatschulden haben sich in den vergangenen acht Jahren verdoppelt und industrielle Kapazitäten wurden erhöht, wobei sich vieles davon im Lichte sinkender weltweiter Nachfrage als wenig produktiv erwies. Peking könnte durchaus in der Lage sein, seine Volkswirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen, weg von der Exportabhängigkeit und hin zu Binnennachfrage, doch der Weg wird lang und steinig sein. Die Versuchung, Exporte durch eine Abwertung der Währung anzukurbeln, ist groß.

Sollte es so kommen, stünde die Glaubwürdigkeit der US-Notenbank – und in geringerem Ausmaß auch der Bank of England – in Frage. Die Entscheidung der Fed letzten Monat, den Leitzins anzuheben, beruhte auf der Überzeugung, das rückläufige Arbeitslosenzahlen zu großzügigeren Lohnabschlüssen und letztendlich auch höheren Inflationsraten führen würden. Seit Jahren schon beharrt Threadneedle Street auf der Sichtweise, sinkende Arbeitslosigkeit werde zu einem erhöhten Lohndruck führen.

Doch der Lohnzuwachs in den USA beschleunigt sich nicht und in den drei Monaten bis Oktober lag der Durchschnittslohn im Vereinigten Königreich 2,4 % höher als im selben Vorjahreszeitraum. Das lag schon unter den 3 % in den drei Monaten vor September. Ohne Boni fiel der Lohnzuwachs von 2 % auf 1,8 %. Weitere Rückgange werden erwartet, wenn am Mittwoch die neuesten Lohnstatistiken vom Office for National Statistics veröffentlicht werden.

Eine Erklärung hierfür ist die Abkühlung der Volkswirtschaft. Eine andere ist, dass Arbeitsplätze vor allem im Niedriglohn- und Niedrigqualifikations-Sektor der Volkswirtschaft geschaffen werden und dies allgemeine Lohnsteigerungen relativiert.

Die weitaus beunruhigende Erklärung ist allerdings, dass die Arbeitgeber begonnen haben, die Nullinflation als dauerhaft anstatt vorübergehend anzunehmen und daher einen niedrigeren Referenzwert ansetzen, wenn es um Tarifverhandlungen geht.

Die letzte veröffentlichte Vorhersage der Bank geht für dieses Jahr von einer Steigerung des durchschnittlichen Wocheneinkommens von 3,75 % aus. Das schien schon zur Zeit der Erhebung im November optimistisch und wirkt jetzt noch unwahrscheinlicher. Fallende Ölpreise bedeuten eine länger anhaltende niedrigere Inflation, einhergehend mit einem erhöhten Deflationsrisiko aufgrund des Dominoeffekts auf die Löhne.

Aus diesem Risiko folgt keine unmittelbare Aussicht auf eine Zinserhöhung der Bank. Vielmehr gibt es eine zunehmende – wenn auch noch geringe – Chance, dass ihr nächster Schritt sein wird, noch mehr Anreize zu setzen.

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