Wie viel Terror können die Menschen ertragen?
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Benjamin Franklin sagte, dass nur zwei Dinge unvermeidlich sind: der Tod und Steuern. Selbst unter dem Dschihad sind dies die zwei großen Konstanten des Lebens. Einige lernen dies auf den harten Weg.

Als Beamte des Islamischen Staats letzten Sommer die Abgabe eines religiösen Zehnt proklamierten, welcher im Islam Zakat genannt wird, hatte Mansour, ein 26 Jahre alter Lebensmittelhändler im östlichen Syrien die Zahlungen hinausgezögert, um währenddessen seine Geschäftsbücher zu frisieren.

Eine Woche später stürmten vier Kämpfer des IS in seinen Laden und befahlen ihn hinaus, um dann die Rechnungen selbst zu überprüfen – zu seinem Erschrecken basierten ihre Kalkulationen auf den Ladenpreisen. Auf den Rindfleischkonserven war kein Preisschild, angebracht. Also fuhr ein Steuereintreiber durch die Stadt und verglich den Preis von anderen Läden der Stadt.

Fünf Stunden später war die Steueruntersuchung zu Ende. Die Rechnung betrug 32.500 Syrische Lira (etwa 134 Euro).

Mansour erzählte der Financial Times über Internet:

„Sie sagten zu mir, Du Lügner…Wie sollen wir einen Sieg erringen, wenn du deine Zakat nicht bezahlst?“

Ähnlich wie alle anderen von der FT Interviewten aus dem IS-Gebiet, verlange Mansour, dass sein echter Name zu seiner Sicherheit nicht genannt wird.

Syriens Öl ist vielleicht nur scheinbar die profitabelste Einnahmequelle der militanten Gruppe, auch wenn die Flieger der USA, Frankreich und Russland bei dem Versuch erfolgreich sind die Rohölherstellung zu unterbinden, bleiben Einnahmen vor Ort, wie z.B. Steuern bestehen, und lassen die Wirtschaft des IS weiter gedeihen. Eine Untersuchung der FT zeigt, dass der IS genauso viel mit Steuern, Erpressung und Konfiszierung verdient, wie mit dem Öl.

Bei der Eroberung von neuen Gebieten erzielt der IS Einnahmen aus dem Verkauf von beschlagnahmten Eigentum, Banküberfällen, Militärbasen und Häuser von irakischen Beamten. In jeder Provinz des IS sammelt er "Kriegsbeute." Diese wird in US-Dollar bepreist und die Kämpfer erhalten ein Fünftel des Erlöses. Was der IS nicht für militärische Zwecke verwenden kann, wird in lokalen Märkten verkauft; IS-Kämpfer können Waren zum halben Preis kaufen.

Westliche Geheimdienste, frühere IS-Kämpfer und Menschen, die in dem von dem IS kontrollierten Gebieten wohnen, sagen, die Zakat, andere Gebühren und Konfiszierungen finanzieren die Besoldung, welche so viele Rekruten anzieht und ermöglichen andere Dienstleistungen wie Straßenreinigung und Lebensmittelsubventionen, womit der IS um seine staatliche Fürsorglichkeit und Souveränität wirbt.

Die obligatorischen Almosen im Islam, die Zakat, ist aus den Tagen des Propheten Mohammed. Von Muslimen mit ausreichend Einkommen wird eine Abgabe in Höhe von 2,5% ihres Besitzes verlangt. Sie kann denen gegeben werden, die für die heilige Sache kämpfen, was auch der Grund ist, womit der IS seine Einnahmen rechtfertigt.

Staat oder nicht, das selbst ausgerufene Kalifat, welches sich fast über halb Syrien und einem Drittel des Irak erstreckt, hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die Bevölkerung mit einer kleinen Armee von Steuereintreibern und Informanten zu drangsalieren.

Der IS beeinflusst in seinem Gebiet die Wirtschaft an fast jedem Punkt, was ihm jedes Jahr mehrere hunderte Millionen Euro einbringt. Nach Monaten mit Interviews von Beamten, Analysten und Menschen vor Ort hat die FT entdeckt, das Geld aus dem Handel, der Landwirtschaft und durch Überweisungen – sogar Löhne von Regierungen, gegen die sie kämpfen – in die Taschen der Dschihadisten fließt.

Handel

An der südwestlichen Grenze der Türkei stehen täglich bis zu 600 LKW, welche Nahrung und Baumaterialen nach Syrien bringen. Verschiedene Fahrer und Händler sagen, dass sie durch die Rebellengebiete fahren, um so die Gebiete unter dem Einfluss von Bashar al-Assad zu umgehen und direkt in das Kalifat fahren.

Andere Lastwagen, welche aus dem Irak kommen, müssen einen Zoll entrichten, welcher nach den Unterlagen der Fahrer und irakischen Analysten etwa 130 Millionen Euro pro Jahr beträgt.

Abu Mohammed, ein Händler, welcher Gemüse aus den Rebellengebieten in den IS verkauft und auch unerkannt bleiben will, sagt, dass einige seiner Freunde mit ihrem Geschäft in das Kalifat gezogen sind, weil dort die Geschäfte sicherer sind. Er sagt:

„Du kannst dort deinen Laden offen stehen lassen und niemand würde etwas stehlen. Alles, was man tun muss, ist die Zakat zu bezahlen.“

Der IS verordnet eine allgemeine Zakat über sein gesamtes Gebiet. Es werden 2,5% vom Grundkapital von begüterten Bewohnern und Unternehmen verlangt. Dabei ist es egal, ob das Unternehmen eine Fabrik oder ein einzelner LKW mit Fahrer ist. Von Bauern erhebt der IS 5% für bewässerte Anbauflächen und 10% für Felder, die vom Regen bewässert werden. Aber das wird von Fall zu Fall entschieden. Einige Beamten des IS verlangen anstatt des Geldes eine Dienstleistung: So bringen Ärzte im östlichen Teil Syriens ihre Zakat damit auf, dass sie einmal pro Woche Freiwilligenarbeit im Krankenhaus leisten.

Landwirtschaft

Die Landwirtschaft ist eine der lukrativsten Quellen der Zakat. So werden Weizen, Gerste und Baumwolle abgegeben. Irakische Bauern, welche von der FT kontaktiert wurden, bezahlen die Zakat mit Lebendvieh oder ihrer Ernte, während viele syrische Bauern berichten, dass sie den Steuereintreibern kalkulierte Marktpreise äquivalent in Bargeld bezahlen müssen.

Außerdem achtet der IS sehr darauf, auf wie viel Land etwas angebaut wird. So berichten die Menschen, dass die Steuereintreiber örtliche Agrarbetriebe einschüchtern und Bauern dazu auffordern, sich über den Besitz der Nachbarn zu informieren, um so besser bestimmen zu können, wie diese besteuert werden müssen.

Nach Aussagen der Händler und Bauern profitieren die Dschihadisten gleich mehrmals von derselben Ernte. Beispielsweise verlangen sie eine Zakat von der Getreideernte und kaufen zusätzlich noch einen Teil der verbleibenden Ernte, um diese dann später zu besseren Preisen weiter zu verkaufen. Und auch die Lastkraftwagen werden für den Transport noch einmal besteuert.

Gehälter

Den größten Posten des IS machten letztes Jahr aber die indirekten Einnahmen aus einer eher unerwarteten Quelle aus: die irakische Regierung. Bagdad überweist immer noch Gehälter an Angestellte, die in den IS-Gebieten leben. Dazu gehört auch Mosul, Iraks zweitgrößte Stadt mit über einer Million Einwohner. Die geschätzte Zahl der Angestellten schwankt. Irakische Beamte aus dem gehobenen Dienst schätzen, dass an die 400.000 staatliche Mitarbeiter in den vom IS kontrollierten Gebieten sind.

Mitglieder des irakischen parlamentarischen Finanzausschusses sagen, dass die Gehälter insgesamt mehr als eine Milliarde US-Dollar betrügen. Der IS besteuert Gehälter mit 10 bis 50%.

Beamte in Mosul haben die Entscheidung kritisiert und warnen vor weiteren Bestrafungen gegen die Bevölkerung.

Auch wenn den Gehaltszahlungen Einhalt geboten würde, wären Überweisungen von Angehörigen an die im Kalifat lebenden Verwandten eine gute Steueroption. In der Familie verwendet man das „Hawala“-System, eine informelle Geldtransfervereinbarung, ähnlich der Western Union, welche fast unmöglich zu regulieren ist. Die Leute sagen, es gibt nun Straßen, in denen sich Hawala-Büros aufreihen. Diese werden sorgfältigst von den IS-Milizen überwacht und zu einem kleinen Teil abgeschöpft.

Wenn die von der USA geführte Koalition versucht die Gebiete des IS zu verkleinern, erwarten westliche Beobachter, dass die Organisation auf verstärkte räuberische Erpressungen als Einnahmenquelle zurückgreifen wird, um so die Finanzströme aufrecht zu erhalten. Syrer und Iraker, welche aus den jeweiligen Abschnitten fliehen, verringern gleichzeitig den Pool an möglichen Steuerzahlern. Ali, ein Grundschullehrer aus al-Mayadin, welcher letzten Monat geflohen ist, sagte die meisten Ärzte, Ingenieure und Lehrer sind letzten Sommer aus der Stadt geflohen.

Ein Beamter für Landwirtschaft aus Mosul sagt außerdem, dass weniger als 2 Millionen Dunams (50.000 Hektar) Land kultiviert werden. Im Vergleich dazu waren es im Vorjahr noch 3 Millionen Dunams. Die Viehbestände sind bereits um die Hälfte gefallen.

Wahrscheinlich aus Angst, dass der „Staat” bald ohne Bürger sein wird, hat der IS bereits aktiv versucht seine Bewohner davon abzuhalten, sie zu verlassen. Die Gruppe verbietet Bewohnern das „Land der Ungläubigen” zu betreten, ausgenommen für eine medizinische Versorgung.

Viele aber sagen, dass das Maß voll ist, inwieweit noch mehr Druck auf die restliche Bevölkerung ausgeübt werden kann. In den Gebieten an der Front und in extrem verarmten Dörfern setzen die Beamten des IS nur kleine Gebühren für Wohnungen an und vergessen auch einmal, dass es die Zakat gibt. Ali, der Lehrer, sagt, dass sie versuchten eine neue Gebühr für frisch gedruckte Schulbücher in Höhe von 20.000 Syrische Lira (etwa 82 Euro) zu verlangen, diese aber zurückzogen als niemand mehr seine Kinder in die Schule schickte.

Syrer, welche nun schon fünf Jahre lang den Krieg miterleben, warnen, dass die Wirtschaft des IS nicht so einfach kollabieren wird. Schließlich gibt es dort noch Menschen, welche im alltäglichen Leben Geld benötigen und auf diesem Wege besteuert werden können.

Auf einem kürzlichen Ausflug in das Gebiet des IS bemerkte der Händler Marwan ungläubig, dass Bauern ihre Felder entlang der Frontlinie beakerten.

„Sie sehen Raketen über ihre Köpfe fliegen und gleichzeitig wird der Acker unter ihnen gepflügt. Wenn sie nicht arbeiten, haben sie nichts zu essen.”

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